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Das Weinlog

08.07.04 @ 21:01

Genuß und / oder Lebensfreude

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ich erlaube mir einen CWschen Vergleich aufzugreifen und Parallelen, die mir zwischen Musikrezeption und Weinkonsum zu existieren scheinen ein wenig (hoffentlich nicht zu breit - und auch nicht zu ernst) auszuwalzen.

Wie CW bezugnehmend auf seinen Altvorderen (ist das zu despektierlich?) Wagner bzw. Bruckner Ernst dargelegt hat gibt es – wie auch von mir nie bestritten - höchst unterschiedliche Arten durch Wein Vergnügen, Genuss und Lebensfreude zu gewinnen.
Manche Weine und ihr Konsum wirken auf mich der im Musikantenstadel produ- und konsumierten Musik vergleichbar: Sie finden offensichtlich ihre durchaus zahlreichen und hochzufriedenen Abnehmer, werden von Anderen jedoch ob ihrer (vermeintlich?) inferioren Qualität verdammt. In diese Kategorie fällt für mich nicht nur die klassische Supermarkt Doppler- und Tetrapackware sondern auch der Großteil der bei Wiener Heurigen ausgeschenkten Vierteln und vielfach zwar professionell hergestellte aber banale und austauschbare Massenweine aus aller Welt.
Andere Weine könnten durchaus dem Wiener Neujahrskonzert entsprechen, über das – trotz unbestrittener Qualität – von „echten Kennern” doch auch gelegentlich geschmäcklerisch die Nase gerümpft wird. Ob das jetzt Rosés, gschmackige Österreicher, Italiener, Spanier, Franzosen oder Überseeler sind, die unkomplizierten Zugang erlauben scheint mir hier weniger relevant.
Und dann gibt es wieder Weine die unter diesem Aspekt eher einem Philip Glass spielenden Kronos Quartett gleichzukommen scheinen. Hier denke ich an (nach Mourvèdre?) stinkende Châteauneuf-Du-Papes, (zu?) gereifte filigrane alte Bordeaux und Burgunder oder auch brutale Baroli traditionellerer Machart.
Die Vergleiche ließen sich noch fortführen.

Doch so unterschiedlich diese Weine (respektive die Musikstile) sind, so gibt es doch zu jedem von Ihnen Menschen, denen das dargebotene Göttertrank (respektive Ohrenschmaus) ist und die sich daran erfreuen und ergötzen.
Und so wie bei der Musik gibt es ganz klar auch beim Wein Konsumenten, die zu irgendeinem Zeitpunkt ihr Produktspektrum gefunden haben, und ab dann befriedigt dabei bleiben. Es gibt aber auch andere (und ich will hier keineswegs werten) die irgendwann zu suchen beginnen und nicht mehr damit aufhören und deren Geschmack sich dahingehend ändert, dass manches das früher Vergnügen bereitet hat nun nichts sagend scheint. Bei Anderem eröffnen sich dafür Qualitäten, die zuvor verschlossen waren. Ein verlustloser Zugewinn an Genießbarem scheint hier wie dort nicht möglich.
(Dass es daneben wie es in der Musik Wagnerianer, Jazzfans oder Apologeten der historischen Aufführungspraxis gibt, sich ebensolche Gruppierungen sich bei den WeinfreundInnen festmachen lassen, möchte ich hier einmal beiseite lassen) (*)

Mich würde interessieren, wie es den Traubingern und –innen diesbezüglich ergeht bzw. ergangen ist. Mischt sich bei Euch in die Freude über die Subtilität eines Musigny auch ein wenig Betrübnis, dass der mit 16 Jahren getrunkene Doppler nie wieder die damalige Befriedigung bereiten wird können oder sehe ich das zu sentimental? Zahlt es sich aus, sich intensiver und (zumindest gelegentlich) auch ein wenig intellektuell mit dem Objekt der Begierde zu beschäftigen auch auf die Gefahr hin, dass dadurch der eine oder andere Genuss zumindest erschwert wird?
Oder ist das alles unnötige Hirnwichserei, die dem wahren dionysischen Erlebnis nur im Wege steht?

Es würde mich freuen, auf diesem Weg noch ein wenig über die önophilen Biographien der Traubinger in Erfahrung bringen zu können, bevor ich mich für zwei Wochen verabschieden darf.

-hs.


(*) Ich muss gestehen, dass ich in meinem (klassischen) Musikzugang irgendwann um die vorletzte Jahrhundertwende stehen geblieben bin und ich bin mir dieses Defizits durchaus bewusst, habe aber noch Hoffnung.

13 Kommentare | Kommentar abgeben

ChristophWagner, 15.07.04 @ 11:15

Mahler, Most und Sturm
Sollte die Kontaktanzeige in ein Konzert ausarten: einen Abonnenten habt ihr bereits gewonnen, und ich denke, ich werde nicht der einzige bleiben. (Subskriptionen bitte in diesem Weblog). Wenn die beiden ein Klavier beibringen — für Most und Sturm wird Speising schon sorgen. (Und sollte jemand auf die Idee kommen, über des „Des Knaben Wunderhorn" zu phantasieren, so suche ich auch gerne einen gefälligen Junker dafzu aus.)

tastatour, 15.07.04 @ 09:42

herbst
da beim rosenkavalier am ende immer das junge hühnchen gewinnt, empfehle ich ein himbeerkracherl.

die vierhändigen aktivitäten bei brucknersymphonien waren ein schöner sport, als es noch keine plattenspieler gab.
ich suche schon lange ein opfer, das mit mir das gleiche mit mahler IX macht. es ist dies eine kontaktanzeige.
ein bisschen möchte ich damit kollegen steppenwolf kitzeln, denn in nämlicher symphonie ist der himmel nicht nah; eher moos und laub. das ist viel reizvoller.
das wäre dann most und sturm...

... oder so...
eigenartiger sommer...

ChristophWagner, 15.07.04 @ 02:21

Bruckner, Strauss, Tränen und so
Gottlob hatte ich im Zürcher Opernhaus ein großflächiges Taschentuch eingesteckt. (Es ist jenes, das ich eigentlich als Notserviette mit mir führe, für den Fall, dass es irgendwo keine Stoffservietten gibt.)

Mit alle Brucknersinfonien vierhändig kann ich leider nicht aufwarten, bin aber beeindruckt. Und das Argument mit den Generalpausen saß – bin also noch mehr beeindruckt.

An der Klärung der Frage, warum man bei Weinen nicht weinen kann, bei der Zauberflöte hingegen schon, arbeite ich noch. Vielleicht müsste man nur die richtige Kombination finden.

„Soll ich dich Teurer nicht mehr seh´n" vermag einen, in Verbindung mit einer Flasche Gewürztraminer von Elena Walch, sicherlich gleich doppelt zu rühren.

Und „Ach ich fühl´s, es ist entschwunden" wird eine empfindsame Seele, die gerade ein Glas Grands Échezaux geleert hat, mit Sicherheit in tiefe Seelenqualen stürzen.

Angesichts der Leere in der Flasche hilft allerdings ein kleiner dramaturgischer Rückgriff auf Faust I:

„O tönet fort, ihr süßen Himmelslieder !
Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder!"

Danach der erlösende Druck auf die Repeat-Taste. Und sofort das nächste Glas einschenken.

steppenwolf, 10.07.04 @ 10:55

Den Widerspruch vernehm ich sehr, daher gibt es zu Bruckner mehr!
Wenn ich so eine Phrase wie die Bekrittelte verwendete geschah es in Unkenntnis dessen, dass man den Humor darinnen nicht erkennen kann. Ich weiss zwar, dass es wirkliche Kritiker gibt, - und vermutlich hat schon Hanslick so argumentiert - die Bruckner so einschätzen. Ich gehöre sicherlich nicht dazu.
Ich brauche bei Bruckner vielleicht schon mehr als 2-3 Takte, um die Zahl zu erkennen, aber normalerweise gelingt es mir auch nach wenigen Minuten. Ich könnte den mathematischen Beweis antreten, dass CW hier den Mund zu vollgenommen hat. Denn Bruckner setzt in mehr als einer Symphonie Generalpausen ein, die 2 Takte dauern. Er hätte dann nur einen Takt, um aus beginnender pianissimo-Begleitung das Thema zu erahnen. Da würde ich gerne entsprechende Stellen aussuchen und bei "Wetten, dass" dagegenhalten.
Ich habe in meiner Kindheit sämtliche Brucknersymphonien vierhändig gespielt, und zwar gerne und nicht nur einmal. Selbst nach jahrelanger Abstinenz sind die Themen daher geläufig.
Allerdings nur passiv. (Die vier Brahms-Symphonien auseinanderzuhalten, ist allerdings dagegen ein Kinderspiel.)
Tatsächlich gab es aber in letzter Zeit eine Übertragung, bei der die 4te Bruckner in der Originalversion aufgeführt wurde. Und da war ich über die halbe Symphonie nicht im Klaren, was das sei. Das sehr markante Scherzo ist ein anderes, sehr reizvoll, aber eindeutig kein "Waldstück". Die Themen des langsamen Satzes verwenden Motive, die er später wo anders verwendet hat. Die Übergänge und die Spannungsauflösungen sind so, dass ich eine Zeitlang gesagt habe (bezeugt), das hat nicht Bruckner geschrieben, sondern ein Brucknerverehrer, der leider nicht gut genug ist. Der letzte Satz hat dann zumindest soviel Wiedererkennungswert gebracht, dass die Neugier uns bis zur Ansage im Auto behalten hat, obwohl Gießhübl bereits im Sonnenschein glänzte.
Also bei Tristan und Parsifal, würde ich auch liebend gerne den Beweis antreten, dass man dort im Minutentakt (besser in wenigen Sekunden) die Identifikation feststellen kann.
Über die maßvolle Verbesserung von Beethoven muss ich mutmaßen. Aber im Gegensatz zu Mahler, wo schon früher g'sunga wird, ist wenigstens bei der Neunten ein eindeutiges Erkennungsmerkmal gegeben.
Viel schwieriger kann es da schon beim Heldenleben werden, wenn Strauss sich selbst zitiert.

Ich kann ja leider nicht die Kompetenz angreifen, dass man als Oberösterreicher automatisch Brucknerianer ist.

Welche Opern zum Weinen bringen können? Das ist wohl auch eine sehr persönliche Frage?
Figaro eher nicht mehr, aber dafür Zauberflöte.
Neben Rosenkavalier auch Arabella und Ariadne auf Naxos, auch wenn es dort wirklich nichts zu weinen gibt. Aber wenn Bacchus auftritt und die Musik plötzlich im Licht zu erstrahlen scheint (nur beim Anhören allein), dann fragt man sich, ob so etwas Schönes wirklich menschlich erscheint. Aber verkaufte Braut, Rusalka, Boris, Parsifal haben Stellen, wo es einem wirklich zum Weinen ist. (ich meine aus Trauer heraus - über die dargestellte Dummheit.) Oder auch Jenufa.
Mozart Requiem kann zum Weinen aufrufen, das Verdi funktioniert bei mir nicht, da setzt bei mir beim "Dies illa" eher hämische Freude und Rachsucht ein. Die Assoziation führt zum Spruch: "Es ist wunderbar, am Ufer des Flusses zu sitzen und die Leichen seiner Feinde vorbeischwimmen zu sehen."
Aber die absolut beste und schönste Trauermusik ist für mich die 4te Schmidt. Da habe ich wahrscheinlich ein Erbteil abbekommen. Denn meine Mutter, die die Symphonie sehr gerne hörte, konnte keine 10 Takte irgendwo draus hören, ohne in Tränen auszubrechen.

Nach all dieser langen Vorrede folgt der eigentliche Sinn:
Kein Problem mit Bacchus oder Dionysos. Selbst in der christlichen Eucharestie ist die Transformation von Wein in Christi Blut ein wiederholtes Mysterium.

Aber vor allen anderen Dingen, die wir "verstehen" können, ist die Musik der direkteste Draht, den wir zum Göttlichen haben können. Wenn Kant den unendlichen Himmel über sich (und das Gewissen in ihm) herausstellt, dann ist es für mich die Musik, welche ohne Zeitverzug in einem Augenblick die Verbindung mit dem Himmel darstellen kann.
P.S. Ich entschuldige mich auch, denn ich werde jetzt eine Woche in Waldviertler Weinfässern schlafen und mir dann einen kleinen Ring geben.

ChristophWagner, 10.07.04 @ 01:18

Bruckners x-te, Weine zum Weinen
Also zunächst einmal, als Oberösterreicher, Brucknerianer und überhaupt: Widerspruch!!!!

Obwohl es fast überall sozu lesen ist, hat Bruckner ganz einfach nicht dieselbe Sinfonie immer wieder komponiert. Jede davon ist ein unverwechselbarer Mikrokosmos, oder, wenn man die Instrumentierung bedenkt, meinenthalben ein Makrokosmos

Gut, ich kenne mich mit Brucknersinfonien ein bisschen aus, aber ich brauche, wenn ich den erfreulich brucknerfreundlichen Radio-Stephansdom-Knopf drücke, normaler Weise keine zwei, drei Takte, um zu wissen, in welcher Sinfonie ich mich gerade aufhalte. Bei Brahms gelingt mir das nur bei der Zweiten, die 1., 3..4. gerät regelmäßig zum Ratespiel.

Selbstverständlich sind alle Bruckner-Sinfonien aus demselben Geist heraus komponiert, wie denn auch sonst? Aber sind nicht auch Figaro, Cosi und Don Giovanni oder Ring, Tristan und Parsifal aus demselben Geist heraus komponiert?

Okay, Verdii hat mit Falstaff, Puccini mit Turandot und (nicht zu unterschätzen) Rossini mit GuglielmoTell am Schluss seines aktiven Schaffens noch einmal eine bemerkenswerte Volte geschlagen. Beethoven hingegen hat sich von der Siebenten auf die Neunte meiner bescheidenen Meinung nach nur maßvoll verbessert...

Aber genug davon. Viel interessanter dünkt mich Almas Ansatz, warum einen wohl Musik, nicht aber Weine zum Weinen bringen können.

Ich kann das nachvollziehen. Meine Töchter lachen mich regelmäßig aus, wenn ich selbst bei der „Entführung", „Figaro" oder „Rosenkavalier" Tränen in den Augen habe. „Diese Opern gehen doch gar nicht schlecht aus", sagen sie. Und ich beharre: „Darauf kommt es doch gar nicht an."

Aber ehrlich: Ich habe noch nie bei einem Wein geweint, nicht, weil er so schlecht, und schon gar nicht, weil er so gur war.

Der ungarische Philosoph Bela Hamvas hat in seiner „Philosophie des Weines" (nebstbei eine tolle Sommerlektüre für fortgeschrittene Speisinger: www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3922660649
/qid=1089414869/ref=sr_8_xs_ap_i3_xgl14/028-4465652-9747763) die gewagte These aufgestellt, dass Gott und Wein Synonyma seien.

Vielleicht birgt auch das die Antwort: Über Gott kann man nicht weinen. Wie denn auch? Der weint ja, wenn überhaupt, über uns.

P.S.: Ich entschuldige mich für ein paar Tage und fahre nach Zürich, um dort über Welser-Mösts (nebenbei bemerkt, ein formidabler Bruckner-Dirigent) neuen „Rosenkavalier" zu weinen.

alma, 09.07.04 @ 23:40

Wertung
Merkwürdig, fürwahr: ich weiß immer, welchen Wein ich trinken will, und lasse mich nur von einem wohlmeinenden Koch eines Besseren belehren, wenn er Harmoniedefizite anmerkt; aber aus der überschaubaren Fülle an CD-Material das passende zu wählen, endet meist bei der Entscheidung für Stille (die immer gut ist), weil ein einziger Missgriff die Stimmung nachhaltig beeinträchtigen könnte: die Koppelung von Musik und Emotionalität scheint mir da weit höher zu sein (Tränen beim Zergehen von besonderem Wein auf der Zunge sind mir unbekannt; Tränen beim Anspielen signifikanter Tonfolgen jedoch nur zu sehr vertraut), weswegen die eigene Auswahl einer ständigen überkritischen Bewertung unterliegt (Schicksalsbesiegelung zumindest der nächsten Stunde), während die anderer mit folgsamer Freude angenommen werden kann. Fremdbestimmter Wein hingegen vermag oft nur höfliches Scheininteresse hervorzurufen.

steppenwolf, 09.07.04 @ 18:41

vor der cd-wand stehen
Das ist ein ganz interessantes Phänomen. Ich weiss nicht, ob es anderen Leuten genauso geht.
Es ist unmöglich sich für eine CD zu entscheiden, aber wenn jemand anderer eine auflegt, die zufällig passt, ist das das Beste was passieren konnte.

Oder als anderes Beispiel: ich drehe zu Mittag sonntags das Radio auf und höre Bruckners x-te. (Sind eh alle gleich!:) Ich bin ganz begeistert und höre bis zu Ende zu. Ich schaffe es aber nicht, mir die gleiche Symphonie spontan selber aufzulegen.

Da geht es mir beim Wein anders. Auch wenn es mehrere gute Dinge gibt, kann ich mich für einen relativ leicht entscheiden und habe nicht das Gefühl jetzt die nicht Gewählten beleidigt zu haben. Bei der Musik kommt es mir fast so vor, als würde ich mit der Auswahl gleichzeitig eine Wertung vornehmen. Obwohl es ja nur eine temporäre Entscheidung ist.
Komisch, komisch...

tastatour, 09.07.04 @ 18:02

es folgen...
...ein paar gedanken, ungeordnet, ungeschickt:

das geistige potenzial einer ortschaft wird auch definiert durch den willen zur ausarbeitung von gedankenüberschüssen.

das speisinger rathaus wäre demnach die sagrada familia.

bei den ressentiments der musikindustrie gegenüber handelt es sich grösstenteils um lifestyle-chic.

musiker wollen immer geld verdienen. ohne ausnahme.

versuche deshalb nie, musiker oder winzer übers ohr zu hauen.

ich kenne musiker, die sowohl in oper, musikverein, buschenschank und volksmusiksendungen auftreten. bei musikern meiner generation kommt das element des clubs und der lautstärke hinzu.

das spezifisch mitteleuropäische genialitäts- und innovationszwänglertum führt daher zu
österreichischer rezeptionsfolklore in staatsoper und musikverein und hippie-shit im zusammenhang mit bösen managern und ö3.

auch mit einem chardonnay 2002 vom bründlmayer lässt sich eine alkoholvergiftung organisieren. den notarzt hat man auch in diesem fall selbst zu finanzieren.

zu meiner drehundtrink-zeit besass ich meine erste schlümpfeplatte.

erste experimente mit mischgetränken stehen in zeitlichem zusammenhang mit dem ableben von freddy mercury.

die zeit der exzessiven frauenvernichtung lässt auch bei der wahl der getränke einiges an systematik vermissen.

erkenntnis: vor der cd-wand kann man genauso planlos stehen wie vor der weinsammlung.

fortsetzung möglich, aber nicht geplant.

steppenwolf, 09.07.04 @ 16:32

Kynästhesie der anderen Art
Ich kann der von hs aufgeworfenen Frage nach Veränderung der Geschmacksempfindlichkeit bzw. Veränderung der Genussfähigkeit sehr viel abgewinnen.

Studentenzeit ... Heuriger ... grosse Mengen, auch viel G'spritzte
noblere Studentenzeit ... Beaujolais ....heraussuchen von berühmten Marken, Träumen von einem Besuch in Frankreich
Stierblut im 12-Apostelkeller, fürchterliche Besäufnisse, den Wein könnte ich heute nicht mehr trinken.
Arbeit 1 .... keine spezielle Weinpreferenz
Arbeit 2 .... keine spezielle Weinpreferenz
Arbeit 3 .... keine spezielle Weinpreferenz, wenn man von moldavischen Weinen absieht. Die waren in der UdSSR die besten erhältlichen.
In Österreich ... Veltliner Begeisterung
Wechsel zu Muskat Ottonel, Neuburger, Sämling
Arbeit 4 ... gute und teure Weine, erstmals Heraussuchen von roten. Aufmerksamkeit auf burgenländische Rote.
Bordeaux ... kaum mehr einen Beaujolais
bei den Weissen am liebsten Soave oder Chablis.

Arbeit 5 ....
....
Heute am liebsten: Merlot, Pino Noir, Bordeaux, Muskateller, Muskat-Ottonel, barrique-ausgebaute Veltliner a la Titan von Ehn.

Und lieber eine halbe Flasche eines sehr guten Weines als 2l durchschnittlichen Wein.

Bei der Musik gab es ähnliche Veränderungen, wobei ich aktiv und passiv unterscheiden muss.
passiv:
in zeitlicher Reihenfolge
die ganze Klassik
Romantik speziell Schubert, weniger Schumann
Wagner
Impressionisten speziell Ravel
Die Russen Prokofief, Schostakovitsch
Beethoven
Richard Strauss
(alles nur ein Auszug, da gibt es Seiten zu füllen und ich könnte vermutlich auch noch alles datieren)
aktiv:
die ganze Klassik
- und dann Schwerpunkte
Schubert
Brahms
Beethoven
Ravel
Schubert
Moussorgski
Ravel
Bach
Chopin
Mozart
Beethoven
Schubert
Liszt
Bach
Schubert
Brahms
(die einzelnen Komponisten waren immer schwerpunktmäßig ein bis zwei Jahre vertreten.)

Und heute (passiv und aktiv):
Schubert - Bordeaux
Brahms - rote Cuvees, Bordeaux, Merlot
Bach - Chardonnay südsteirisch
Mozart - südsteirisch gg
Beethoven - Veltliner, Rotgipfler
Wagner - Muskateller bis zum Umfallen
Richard Strauss - Kracher Spätlese

Was werde ich in drei Jahren trinken?

jamiesolive, 09.07.04 @ 15:34

Fleiß und Industrie
Es wäre eine spannende Untersuchung wert, was aus unschuldigen lateinischen Wörtern im Lauf der Zeit für schuldbeladene Begriffe geworden sind. Das aus dem fleißigen industria die menschenverschlingende Industrie des neunzehnten Jahrhunderts wurde, ist dafür nur ein Beispiel. Wie aus dem pilosophisch-kontemplativen tempus das wesentlich gefährlichere Tempo wurde, ist ein anderes, das mir gerade einfällt, aber es gibt sicher (Herausforderung an den Lateiner in noapino) noch bessere.
Ich hatte mit Fleiß und Industrie jedoch das gleichnamige Büchlein von H.C.Artmann im Auge, das so ziemlich alles, was in diesem Forum geschrieben wurde und wird, auf einen Punkt bringt, wenn es darin heißt:
„O leget die hand an die mützen, denket nach und seid euch eurer eignen Vergänglichkeit bewußt, sind wir ja doch nur wind und wellen."

noapino, 09.07.04 @ 13:45

Industrie und Glück
auch meine Sympathie gehört den individuellen Einzelkämpfern, aber schlussendlich zählt auch für diese der Erfolg auf ihrem jeweiligen Markt und für mich - aller Sentimentalität zum Trotz - das was im Glas ist.
Und wenn es dann ein Produzent wie Château Lafite zustande bringt, in guten Jahren bis zu 400,000 Flaschen wirklich individuellen Grand Vin zu produzieren (und das sind zweifelsohne industrielle Maßstäbe) kann ich nicht anders als dem meine allergrößte Hochachtung zu zollen.
Ob ich dann das meine zum Markterfolg des Produktes beizutragen bereit bin ist jedoch eine andere Frage. (Nicht zuletzt eine des Preises)

Ein Nachschlag zur Industrie (weil die Kreise um den Wein eh schon immer größer werden): Ich muss da immer wieder an das Piatniksche Tarockspiel denken, auf dessen „Uhu” ein Reichsadler abgebildet ist, der auf einem halb versunkenen (Grab-?) Stein sitzt. Die Inschrift lautet „Industrie und Glück” und ich habe keine Ahnung was das zu Bedeuten hat.

Noch ein Nachschlag (in Abwesenheit der Deutschprofs darf ich den Lateiner heraushängen lassen): Zumindest von der Wortwurzel her sind Industrie (lat. industria) und Fleiß doch recht synonym. (Vielleicht erklärt das einen Teil der obigen Allegorie)

jamiesolive, 09.07.04 @ 01:39

Fleiß und Industrie
Die tiefschürfenden Untersuchungen der Herrn CW und HS gehen an einem Punkt ins Leere. Sie wägen wohl Quantität und Qualität geneinander ab, doch sie unterscheiden nicht zwischen Fleiß und Industrie.
Ein ganz einfacher, simpler Wein kann mit Fleiß gemacht sein, dann verdient er unsere Hochachtung. Oder er ist ein Industrieprodukt, dann muss er sich am Markt durchsetzen und verdient allenfalls Geld, unsere Wertschätzung verdient er nicht.
Eine Gruppe von Bratlgeigern mag schlecht, aber mit Fleiß spielen und verdient daher unsere Hochachtung (wenn auch vielleicht nicht, dass wir ihr zwei Stunden lang zuhören und damit auch kein Geld). Musikantenstadlmusik ist ein Industieprodukt und muss sich am Markt durchsetzen. Was sie auch tut, weshalb sie unsererseits gar nichts verdient, nicht einmal unsere Verachtung, Geld verdient sie genug.
Nun kann auch guter, sogar sehr guter Wein ein Industrieprodukt sein, und auch er muss sich am Markt durchsetzen. Wenn er gut ist, verdient er vielleicht nicht unsere Verachtung, sonst aber auch nicht viel., zumindest aber Geld.
Wenn guter Wein mit Fleiß gemacht ist, mag er Fehler haben, aber er verdient unsere Wertschätzung, auch wenn wir ihn vielleicht nicht trinken und er dadurch kein Geld verdient.
Auch das Neujahrskozert muss sich am Markt durchsetzen, weshalb es nicht automatisch unsere Verachtung, aber auch nicht unsere Zuneigung, jedenfalls aber Geld verdient. (Denn auch das Neujahrskonzert ist Industrie).
Nicht alles jedoch, was Philharmoniker musizieren, ist Industrie, in welchem Falle es unsere Wertschätzung, aber für gewöhnlich auch weniger Geld verdient, dafür immerhin gelegentliche Sternstunden ermöglicht (die dann mitunter sogar, in diesem Fall verdientermaßen, Geld verdienen).
Industrie ermöglicht gemeinhin keine Sternstunden in der Musik und auch keine großen Weine im Keller. Auch Fleiß führt nur in den allerseltensten Fällen zu Sternstunden und auch nicht zu großen Weinen, aber er hat, im Gegensatz zur Industrie, wenigstens die Chance dazu.
Wir sollten daher, denke ich, den Fleiß unterstützen und der Industrie was pfeifen. Auf allen Qualitätsebenen, beim Wein und in der Musik.

alma, 08.07.04 @ 23:54

dionysie
Ich habe eine Dopplervergangenheit. Die ist schon an anderer Stelle erwähnt. Es war keine schlechte, möchte ich nur anmerken, denn der "Naturbelassene" vom Peisser in Strebersdorf galt damals (in den ganz frühen 80ern) als das NonPlusUltra in gewissen (Künstler)kreisen. Ich habe möglicherweise eine Zukunft mit singenden Weinen. Ich habe eine Gegenwart mit einer Fülle an Varietäten, die anlassgemäß (und brieftaschenkonform) ausgekostet wird. Vom Trinkwein bis zum Meditationswein gibt es keine Berührungsängste, nur: was die Kehle runterrinnt, wird selektioniert.
Ich habe eine volksmusikalische Vergangenheit (als Kind). Ich habe eine klassische und jazzige Gegenwart. Dazwischen liegt einiges an Pop und Rock, vielem bin ich emotional verpflichtet; bleiben aber werden nur jene Werke, die mich in ihrer Vielschichtigkeit und Schönheit dauerhaft zu berühren verstehen. Das aber ist beim Wein nicht anders. Und schließt die Gebrauchskunst zu keinem Zeitpunkt aus. Auch der dionysische Taumel braucht seine Zutaten.

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