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Das Weinlog

17.07.05 @ 10:51

Weiblicher Wagemut

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Bleiben wir doch noch ein bisschen (viele kleine Bisse führen zum Erkenntnisgewinn?) beim Rätsel um den weiblichen Zugang zu Wein. Mir ist ja eher ein Rätsel, weshalb dieser ein anderer sein sollte und halte unterschiedliche Verläufe der Weinsozialisation für ausschlaggebend, vor allem aber Erfahrung und zunehmendes Wissen für die wesentlichen Komponenten.
Etikettentrinker gibt es freilich da wie dort („Marke” vs. „Ästhetik” wäre allerdings Ausdruck von geschlechtsspezifischer Sozialisation), die wären dann wohl auch die Zielgruppe für eine eigene Zeitschrift – aber sonst?
Enigmatisch ist für mich nur die Legende vom weiblichen Wein, aber das ist eine andere Geschichte.

Wohl aber will ich eine Vermutung anstellen, die die Freiheit im Umgang mit Wein betrifft – wobei wir wieder bei einem Aspekt der Sommelier-Diskussion wären. Wenn ich mir nicht ohnehin eine Flasche Weines nach meinem Gutdünken wähle, sondern den Empfehlungen folge, so fallen diese meistens sehr solide und, wenn man so will, klassisch geschult aus: Kombinationen, die in jedem Lehrbuch nachzulesen sind und selten den Rahmen des bereits zur Genüge Bekannten sprengen. Die Darreichung erfolgt in der Regel durch männliche Hände – und so ist die Wahrscheinlichkeit, dass mit Namen brilliert wird, statt die Spannung im noch zu Entdeckenden zu suchen, groß. (Meine Herren, ich weiß, eine Unterstellung, aber die einzige erlebte Statistik, die mir zur Verfügung steht).

Das ersehnte Kontrastprogramm, die Hinführung zu einem erinnerungsträchtigen Erlebnis, das Tänzeln abseits von ausgetretenen Wegen (wann haben Sie eigentlich das letzte Mal einen älteren Jahrgang angeboten bekommen, da, wo der Wein erst richtig zum Wein wird?) sind Seltenheit, am ehesten zu finden in unbekümmert jungen Händen – oder in weiblichen, wie das folgende Beispiel illustriert.

Das Szenario: Eine Frau (ohne Begleitung) gönnt sich die Bewirtung durch eine andere Frau; Überraschungsmenü in fünf Gängen mit passenden Weinen.
Der Aperitif ist auf Wunsch der Gästin noch sehr konventionell, aber Alois Gross ist ein so lieber Winzer, dass sein Muskateller immer passt. Zum Salat vom Pulpo, der in seinen Garnierungen mit Süße und Schärfe spielt, kommt ein Rosé, ein ungarischer noch dazu, Cabernet-Merlot, und kann seine tragende Rolle in diesem Gefüge wunderbar erfüllen.
Zur kräftigen, leicht abgeschmalzten Selleriesuppe steht zur Wahl: ein Weizenbier, im Champagnerglas serviert, sowie ein Torcolato 1993 – beides hat seine Berechtigung: das Bier enthebt die deftige Suppe in flüchtigere Sphären, der markante Süßwein verleiht hingegen zusätzliche Tiefgründigkeit.
Zweierlei auch zum Hauptgericht (die Tafelspitzravioli kamen mit dem Bier aus, da die Wirtin gerade im Weinkeller unabkömmlich war), einem Rindsfilet mit Orangenpolenta: ein Crozes Hermitage 1999, der dem Fleisch gut stand, aber die Polenta ganz verdrängte, während der Riesling Kabinett 1992 (!) „Prinz” von Kirchmayr (eigentlich bekannter als Mostviertler Birnensektproduzent) seine Reife (Orangenschalen, Heu, Medizinalkräuter) voll ausspielen konnte und sich als genialer Partner für das Gericht in seiner Gesamtheit präsentierte. Serviert übrigens im großen Chardonnay-Glas, nicht zu kalt, und so in seiner ganzen Geschmeidigkeit erfassbar.
Zum Dessert (Safranparfait und Tiramisucreme mit Kirschen) rundete die Weißburgunder-Beerenauslese 2002 von Niki Moser ab; das Schnapsl danach war aus dem umfassenden Kössler-Sortiment die Zwetschke aus dem Maulbeerfass: markante Holzsüße.

Was der große Spaß an der Sache war: der Wagemut. Z.B. Bier neben Wein zu stellen. Sich vor alten Jahrgängen nicht zu schrecken. Völlig respektlos einen Crozes Hermitage ins Eck zu drängen.

Meine Hypothese also: Frauen müssen kein Revier verteidigen und können so in aller Freiheit agieren.

Der Ort des Geschehens und die handelnden Personen:
Angerer Alm, St Johann in Tirol (hoch am Berg also). Die Wirtin: Annemarie Foidl. Die Gästin: Ihre ergebene –ad-

Restaurantkritik: Angerer Alm

20 Kommentare | Kommentar abgeben

Kiblitz, 18.07.05 @ 15:52

Weiblich???
Alma- wenn du glaubst die Titelsucht ist was typisch männliches- da irrst du dich. Die Frau Doktor- der Mann ist Arzt- ist doch auch ein typisches Beispiel für das weibliche Wesen.
Aber das sind doch keine verliehenen Titel, da muss man für jeden davon was geleistet haben. Und nicht wenig....
Was glaubst du wie man Weinwirtin des Jahres wird – sicher nicht wegen dem schönen Gesicht.
Und welche Person in Österreich ist noch Jurymitglied bei der Trophee Ruinart und bei Sommelierweltmeisterschaft ?

arzFlo, 18.07.05 @ 15:30

Sommeliére
Hab mich extra angemeldet um neinen Senf dazuzugeben. All diese Titel- warum bekommt man die ? - ob man sie braucht ist eine andere Frage.
Nur wenn man was drauf hat. Und nicht wenig. Die sind Randerscheinungen harter, unentwegter Arbeit mit Wein und sich selbst. Ich bin selbst einmal in der Genuss eines Abends in der Angerer-Alm gekommen; die Frau ist wirklich ein Erlebnis.Keine, welche dich mit vinophilem Fachchinesisch zudeckt, sondern eine der wenigen aus der Sommelierbranche die einfach ungemein gut ist.

pastinake, 18.07.05 @ 14:19

Spannend!
Frau Foidl möchte ich gerne mal kennenlernen. Ihre ideenreiche Auswahl an Getränken zum beschriebenen Menü entspricht sehr meinen eigenen Vorlieben (z. B. Bockbier in kleinen Mengen zu etwas Süssem).

"Die Legende vom weiblichen Wein ist eine andere Geschichte". Die wäre es wert, in einem eigenen Thread erzählt zu werden.

alma, 18.07.05 @ 14:16

Geschlechtsmerkmale
Ei ei, da haben wir ja ein feines Beispiel für männlichen Zugang, wie es klarer nicht sein könnte:
die Auflistung sämtlicher Titel und Zuordnungen und Bewertungen, die die betreffende Trägerin sicherlich ehren, ihr hoffentlich auch zur Freude gereichen, die sie aber wohl kaum trophäengleich vor sich herträgt.

Dass die einer Liebe zur Sache und dem Bedüfnis nach Engagement im Dienste der Sache erwachsenen Graduierungen in einem nach wie vor titelsüchtigen Land unausweichlich sind, kann man nur mit heiterer Ironie wahrnehmen (meine Sommerlektüre ist gerade Jörg Mauthes "Die große Hitze", da wimmelt es nur so von korrekten Titulierungen) -

aber die Grundlage ist doch der Zugang des betreffenden Menschen zu dem, was er tut: und so wird es kaum der Seitenblick auf zu erwartende Ehrungen, sondern kann es nur die Lust am Tun und das erarbeitete Verständnis gewesen sein, das diese Frau dorthin gebracht hat, wo sie heute steht. Und zwar ungeachtet ihrer Titel.

Die sind nämlich dem sich in ihrer Obhut befindlichen Gast herzlich wurscht, weil aus diesen nicht die Stimmigkeit eines kulinarischen Erlebnisses folgen muss.

Kiblitz, 17.07.05 @ 22:49

Sommeliére
Die Annemarie Foidl ist auch nicht irgendeine Sommeliére; sie ist die Sommeliére schlechthin:
Jüngste Wirtin Österreichs auf der Angereralm
Prüfung und Mitglied in der staatlichen Kostkommession für Wein
Vizepräsidentin des Tiroler Sommeliervereines
Wirtin des Jahres
Technische Direktorin des Sommelierverbandes Österreich, ASI (Assosciation de la
Sommellerie Internationale) Delegierte
Weinwirtin des Jahres für das Bundesland Tirol
Sommelierdiplom
Mitglied der Comission Didactique der ASI, Jurymitglied bei der Trophee Ruinart und Sommelierweltmeisterschaft.
Und all das wird man nur, wenn man mehr als Besonders ist. Nicht nur "Weinfachlich" sondern auch menschlich ist sie eine ganz Besondere.Hätten nur 10 % ihrer Kollegen/innen auch nur 10% von ihr, dann gäbe es die Sommelierdiskussion nicht

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