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Das Weinlog
04.10.05 @ 09:52
Die schöne Melusine
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Geschichten um sagenhafte Wasserfeen und Nymphen geistern seit Jahrhunderten durch die europäische Literatur. Der altfranzösische Stoff mit seinem besonderen Weiblichkeitsentwurf, einer letztendlich nicht durch Männerhand domestizierbaren Frau, die nicht näher erklärten Raum und Zeit für sich beansprucht, beflügelte Künstlerphantasien und erlebte Bearbeitungen in allen Kunstgattungen. Die Nachdichtung von Tieck inspirierte Moritz von Schwind zu einem Bilderzyklus, eine musikalische Bearbeitung ist in Felix Mendelssohn-Bartholdys Ouvertüre op.32 zu hören.
Wie aber kommt Melusine auf Weinetiketten, wird zu „Melusine weiß” und „Melusine rot”?
Die Geschichte könnte in etwa so gehen:
Ein Mädchen, das Pferde liebt, möchte auch in seiner Ausbildung mit diesen edlen Tieren befasst sein, wählt zu diesem Behufe eine landwirtschaftliche Schule im Süden Wiens – und sieht sich plötzlich (no na ned, möchte man im Nachhinein sagen) mit Wein konfrontiert! Daraus erwächst eine unaufhaltsame Liebe, die über das Weinmanagementkolleg in Krems, Stationen bei Winzern und Weingütern in Österreich und Lehrmonaten in Kalifornien hin zur Durchführung der Idee vom eigenen Wein führt.
Zur Winzerin, dem immer noch eigentlichen Ziel, fehlen noch die eigenen Weingärten, als Négociante, hierzulande nicht gerade übliche Berufsbezeichnung, aber macht Marion Ebner, so also der Name der (schönen) jungen Frau, gute Figur.
Und da trotz aller namhafter Winzerinnen das Weingeschäft (wie so viele Geschäfte) eine Männerdomäne ist, wird die schöne Melusine als unerlöstes Körperwesen in der männlichen Sphäre zu einer verständlichen Metapher für weibliche Weinversuche.
Die Weine:
Melusine weiß 2004: ein gewichtiger Veltliner Lyra 2004 aus dem Kamptal (13,5%vol), die wenigen Holzfässer wurden von einem der renommiertesten Keller der Region beherbergt. Üppigkeit in den Aroma-Nuancen, Cremigkeit, Intensität und dennoch nicht mangelnde Veltlinerwürze und Frische machen diesen Wein zu einem wahrzunehmenden Konkurrenten im Premium-Bereich.
Melusine Rot 2003: Zweigelt-Cabernet Sauvignon-Syrah aus Carnuntum (13,5%vol) in noch homöopathischeren Dosen, ein sehr klar konturierter Wein, der noch seine Zeit zur Entwicklung braucht.
Beide am besten zu beziehen unter office@marionebner.at - aber auch in den Weinregalen von Meinl am Graben und Coburg zu finden.
9 Kommentare | Kommentar abgeben
-bd, 04.10.05 @ 21:37
weiblichkeitsentwurf
Zu diesem Thema fällt mir spontan die neue Linie aus dem Hause L(aur)enz Moser ein. Dass die Weinwelt krass männerdominiert ist, blieb auch den Strategen der niederösterreichischen Winzerdynastie nicht verborgen. Sie engagierten deswegen zwar nicht sofort Spitzenwinzerinnen wie Birgit Braunstein, Judith Beck oder Monika Strehn als Beraterinnen, aber immerhin erkannten sie auch, dass auch die Zielgruppe von Weinmachern nicht immer eine männliche sein muss.
Diesen Gedanken finde ich bemerkenswert und die Umsetzung als Außenstehender durchaus gelungen. Design, Namensgebung und Blend sind sehr sympathisch. Nr. 2 der dreiteiligen Linie Laurenz V. nennt sich L Sophie, friendly Grüner Veltliner, nach der Tochter des Hauses benannt. Ein wirklich empfehlenswerter Wein, mit Apfel und Zitrusfrüchten in der Nase, einer vornehmen Weichheit und zarter Pfefferwürze am Gaumen.
noapino, 04.10.05 @ 14:59
Kasematten - Männerglück
Bleibt nur die Frage, was unsere Rote und Weiße Melusine so treiben, wenn sie sich allmonatlich in die Kasematten zurückziehen, aber das neugierige durch's Schlüsselloch Blicken will ich mir (aus wohlbekannten Gründen) verkneifen.
Und obwohl Melusine (bzw. Undine) ja sowohl eine deutliche Nähe zum (alkoholfreien) nassen Element nachgesagt wird als auch den mit ihnen das Glück suchenden Männern kein einigermaßen nachhaltiges solches beschert war, hoffe ich doch, dass Frau Ebners Weine diesbezüglich unkritisch sind.
In Herbert Lorzings Undine ist zumindest ausgiebig vom Wein die Rede, auch wenn Kellermeister und Knappe, diesen eher (nur mehr) als Ersatz genießen dürften:
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Nr. 17 - Lied
HANS
Ich war in meinen jungen Jahren
Ein feuriges, verliebtes Blut,
Die Frauen haben's wohl erfahren,
Ich war ein rechter Tunichtgut.
Ich raufte, spielte, doch am meisten
Konnt' ich hier bei dem Humpen leisten.
Vorbei ist alles, nur den Wein –
Den lieb' ich noch!
VEIT
Im Wein ist Wahrheit nur allein!
Von Liebe hab' ich nichts erfahren,
Mich störte meine Blödigkeit.
HANS
Mir zürnte man in frühern Jahren
Ob allzu großer Dreistigkeit.
VEIT
War mit 'nem Mädchen ich alleine -
HANS
Und sprach sie sanft: Ich bin die deine -
VEIT
Dann war ich stumm -
HANS
Nein, das war dumm.
Entsetzlich dumm!
Im Wein ist Wahrheit nur allein!
VEIT
Im Wein ist Wahrheit nur allein!
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alma, 04.10.05 @ 12:19
besessen
Antonia Byatts voluminöser Roman steht noch unberührt in meinem Bücherregal, dabei war die Verfilmung nicht unhübsch! Voluminöse Veltliner sind eher Vorliebe (zum Glück noch nicht Besessenheit) meines Schatzes; wenn ich so nachdenke, sindbei den Weinfrauen auch sonst noch recht muskulöse Weiße zu finden (z.B. Birgit Eichingers Goliath!)
Von den verschiedenen Melusinenfiguren hat mich Bachmanns Undine immer am meisten gefesselt ....
pastinake, 04.10.05 @ 10:26
Melusine
Klingt spannend, werde die Produkte dieser Weinfrau mal probieren. @ Melusine fällt mir der spannende Schmöker "Besessen" von Antonia Byatt ein. Und: soll man den Melusinenwein mit Musik aus "Peleas und Melisandre" geniessen?
--- 04.09.18 @ 20:56
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