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Christoph Wagner's Weblog

12.02.04 @ 02:54

100 Jahre Steirereck, 300 Jahre Plachutta

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Es ist schon ein toller Zufall, dass sich die heutige offizielle Vorstellung der speising-Community fast auf den Tag genau mit dem hundertjährigen Geburtstag des Steirerecks und dem dreihundertjährigen Jubiläum des Hauses Plachutta trifft.

Es war im Jahr 1904, als Kasimir Reitbauer, ein wilder junger Wirt aus der gebirgigen Hochschwab-Region, das Steirereck begründete. Einer Tagebuchaufzeichnung aus dieser Zeit entnehme ich die legendären Worte: „Mia Steira miassn diese Weana zagn, wo da Kürbis wochst."

Noch zweihundert Jahre älter als das Steirereck ist der Plachutta. Schon im Jahre 1704 eröffnete Arcangelo Plachutta, ein Triestiner Edler, eine Limonadenhütte auf dem Glacis, in der das Wunderkind Wolfgang Amadeus Mozart sechzig Jahre später im zarten Alter von acht Jahren seine berühmte Arie „La buona cucina" komponieren sollte. Gioacchino Plachutta, Arcangelos Enkel, soll damals vor Rührung Tränen geweint haben. die so dick wie Maccheroni waren.

Kaiserin Maria Theresia, eine bekannte Musikfreundin, soll bei Plachutta übrigens nicht nur den kleinen Mozart auf den Schoß genommen und ihn auf ein Glas Limonade eingeladen , sondern angesichts eines Rindfleischsalats, der ihr damals serviert wurde, auch den legendären Satz fallen gelassen haben: „Diese Tafel ist Spitze."

Alles weitere ist Kulinargeschichte.

Doch zurück zum Steirereck: Der erste Küchenchef des Hauses kam aus dem Waldviertel und hieß Helmut Böhme. Eines Tages kehrte jedoch Kaiser Franz Joseph in dieser Vorstadtschenke im dritten Bezirk ein und war von Böhmes Kochkunst mehr als nur angetan. Als kleine Courteoisie an den Küchenchef bedachte er das Haus daher mit einer Auszeichnung, die sich bis heute auszahlen sollte: „Ein Mann, der so österreichisch kocht wie SIe", sagte der alte Kaiser damals, „der sollte nicht Böhme, sondern Österreicher heißen. Und das nicht nur heute, sondern für alle künftigen Generationen."

Und somit kennen Sie den wahren Grund, warum seit 1904 alle Küchenchefs des Steirerecks Österreicher heißen. Bis auf den heutigen Tag.

(Um Missverständnissen vorzubeugen: Hier soll niemand auf die Schaufel genommen werden. Es ist nur ein bescheidener Versuch, in der Welthauptstadt der gastronomischen Legenden zwei würdige Kandidaten mit ein wenig zusätzlichem Legendenfutter zu versorgen. Wahr ist hingegen, dass heute der 200ste Todestag von Immanuel Kant ist. Aber zu dem fällt mir keine lustige Geschichte ein. )

9 Kommentare | Kommentar abgeben

noapino, 14.02.04 @ 00:43

Dekantieren
Auch der Begriff des Dekantierens geht zweifelsohne auf den Königsberger zurück und bezeichnete ursprünglich lediglich das enthemmte Öffnen einer Flasche nach der Anderen.
Die heute übliche Bedeutungsverengung ist seit dem späten 19. Jhdt. bezeugt.

au890, 13.02.04 @ 18:45

Hier natürlich treffen sich alte Volksweisheit und hohe Philosophie wieder einmal perfekt:
Nicht nur ist der kategorische Imperativ eine Paraphrase des "Was Du nicht willst, daß man Dir tu...", sondern führt natürlich der Konnex zwischen Kantwurst und Kant zur fundamentalexistenzialistischen Fleischerphilosophie "Der Inhoit eina Wuascht / bleibt ewich unerfuascht", naturgemäß, müssen Sie wissen!

ChristophWagner, 13.02.04 @ 16:54

Wenn der kluge Kluge...
...Kant nicht mit Sicherheit als Urvater der Kantine ausschließt, so können wir doch getrost etwas Blarney blasen und Kant auch noch als Erfinder der Kantilene, der Waterkant und vor allem — gerade dabei bin ich mir ziemlich sicher — der Kantwurst abfeiern.

noapino, 13.02.04 @ 14:29

Der Kantsche Flaschenkeller
Eine kurze Überprüfung in meinem „Friedrich Kluge” schließt Kant als Namenspatron der Kantine nicht mit Sicherheit aus, aber gewisse Zweifel kommen da doch:

Kantine f. ‚Ort für die Essensausgabe für Mitarbeiter’. Im 19. Jhd entlehnt aus frz. cantine ‚Soldatenschenke’, ‚Flaschenkeller’, dieses aus it. cantina ‚Flaschenkeller’, dessen weitere Herkunft nicht sicher geklärt ist. Zunächst in der Bedeutung ‚Soldatenschenke’ übernommen; dann Verallgemeinerung

ChristophWagner, 13.02.04 @ 11:56

Keine falsche Bescheidenheit
Alleine die Geschichte mit dem Senf hatte hohen Unterhaltungswert. Und erst die Illu. Sollte man unbedingt anklicken. Und danach vielleicht ein Kaninchen in Colman-Senfsauce machen.
Apropos lustige Geschichten zu Kant: Unlängst habe ich gelesen, dass sich das Wort Kantine von ihm ableiten soll. Weiß jemand mehr dazu?

noapino, 13.02.04 @ 10:49

Zum Glück mischte sie sich nicht in die Kochkunst.
Da versuche ich halt doch auch meinen Senf (dazu später mehr) dazuzugeben, denn es heißt doch, dass Kant der Kulinarik und dem (Rhein-)Wein eine Menge abzugewinnen wusste (als Sublimation zu anderen Sinnesfreuden?) und sein täglicher Mittagstisch mit Gästen, der von 13h-16h gedauert haben soll, spricht wohl auch dafür. Er erklärte auch die (speziell für Philosophen?) bestehende Notwendigkeit des Speisens in Gesellschaft ganz und gar schlüssig und vernünftig:

„Allein zu essen ist für einen philosophierenden Gelehrten ungesund. Der genießende Mensch, der im Denken während der einsamen Mahlzeit an sich selbst zehrt, verliert allmählich die Munterkeit.”

Ja ihm schien Essen und Trinken geradezu ein notwendiges Ausgleichsinstrument zum Räsonieren darzustellen, um ernsthafteren Streit zu vermeiden:

„Weil beim Vernünfteln die Verschiedenheit der Beurteilung über ein und dasselbe auf die Bahn gebrachte Objekt schwerlich zu vermeiden ist, so erhebt sich ein Streit, der den Appetit für Schüssel und Bouteille gedeihlich macht. Weil aber das Vernünfteln immer eine Art von Arbeit und Kraftanstrengung ist, diese aber durch einen während desselben ziemlich reichlichen Genuss endlich beschwerlich wird: so fällt die Unterredung natürlicherweise auf das bloße Spiel des Witzes und so endigt die Mahlzeit in Lachen”

In jungen Jahren soll er ja auch dem Weine gelegentlich zu ausgiebig zugesprochen haben (das Führerscheinproblem stellte sich damals ja noch nicht) und dann den Weg zu seiner Wohnung nicht mehr gefunden haben. Ob es die diesbezüglichen Erfahrungen waren, die ihn später zu einem intellektuelleren Gebrauch raten ließen ist nicht restlos klar:

„Missbrauch der Genießmittel in sittlicher Hinsicht
Die tierische Unmäßigkeit, im Genuss der Nahrung, ist der Missbrauch der Genießmittel wodurch das Vermögen des intellektuellen Gebrauchs derselben gehemmt oder erschöpft wird. Versoffenheit und Gefräßigkeit sind die Laster, die unter diese Rubrik gehören. Im Zustande der Betrunkenheit ist der Mensch nur wie ein Tier, nicht als Mensch, zu behandeln; durch die Überladung mit Speisen und in einem solchen Zustande ist er für Handlungen, wozu Gewandtheit und Überlegung im Gebrauch seiner Kräfte erfordert wird, auf eine gewisse Zeit gelahmt.”
(Die Metaphysik der Sitten)

Obwohl mir von aktivem Kochen Kants nichts bekannt ist, so soll er doch nicht nur profunde theoretische Kenntnisse in diesem Bereich gehabt habe, sondern auch berühmt gewesen sein für seine Senfsorten, die er aus englischem Senfmehl auch für seine Gäste eigenhändig angerührt haben soll. Carl Friedrich Hagemann hat den greisen Kant (77-jährig) bei dieser Tätigkeit festgehalten:

http://www.religion-online.de/Senfkant.GIF

Es wird auch behauptet, dass Kant vorgeschlagen worden wäre, eine „Kleine Kritik der kulinarischen Vernunft” zu verfassen, was dieser aber dann doch unterlassen hat und seine Kollegin Francesca Rigotti fast 200 Jahre nach Kants Tod nachholte.

Für Heinrich Heine war diese Beschränkung, nämlich sich nicht auch noch in die Kochkunst einzumischen fast das Beste an Kant:
"Diese große Geisterbewegung hat Kant nicht sowohl durch den Inhalt seiner Schriften hervorgebracht, als vielmehr durch den kritischen Geist der darin waltete, und der sich jetzt in alle Wissenschaften eindrängte. Alle Disziplinen wurden davon ergriffen. ja, sogar die Poesie blieb nicht verschont von ihrem Einfluß. Schiller z. B. war ein gewaltsamer Kantianer und seine Kunstansichten sind geschwängert von dem Geist der kanteschen Philosophie. Der schönen Literatur und den schönen Künsten wurde diese kantesche Philosophie, wegen ihrer abstrakten Trockenheit, sehr schädlich. Zum Glück mischte sie sich nicht in die Kochkunst."
(Heinrich Heine, Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland)

Auch wenn ich damit etwas abschweife, so ist Kant ja fast noch gut weggekommen, denn bei Fichte dachte Heine an einen kochenden Affen:
„Bei Fichte ist noch die besondere Schwierigkeit, daß er dem Geiste zumutet sich selber zu beobachten, während er tätig ist. Das Ich soll über seine intellektuelle Handlungen Betrachtungen anstellen, während es sie ausführt. Der Gedanke soll sich selber belauschen, während er denkt, während er allmählich warm und wärmer und endlich gar wird. Diese Operation mahnt uns an den Affen, der am Feuerherde vor einem kupfernen Kessel sitzt und seinen eigenen Schwanz kocht. Denn er meinte: die wahre Kochkunst besteht nicht darin, daß man bloß objektiv kocht, sondern auch subjektiv des Kochens bewußt wird.”
(Heinrich Heine, Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland)

Ich werde versuchen, mich bei nächster Gelegenheit zu beobachten, ob ich mir tatsächlich auch subjektiv des Kochens bewusst bin....

Gut ich gebe zu, besonders amüsant ist es nicht geworden, aber was soll’s

ChristophWagner, 13.02.04 @ 02:45

Die Iren nennen das Blarney
Und Blarney ist meine Leidenschaft. Geht fast noch über Middleton Whiskey.

snoarf, 12.02.04 @ 22:37

Na wenn da nicht...
...ein bisserl Seemannsgarn dabei ist ;-)

andreasbigler, 12.02.04 @ 15:51

Steirereck .....
Lustige Gschichtln müssen es ja auch nicht immer sein, und Kant hat mir eigentlich die Schulzeit nicht verschönert, da man versuchte uns mit seinen Weisheiten zu quälen......

Vielleicht hat man das auch schon mal im Steirereck versucht, aber es ist mir eben nie aufgefallen und zum Plachutta fällt mir ein, dass er als Rindfleischkönig gehandelt wird und dass er mit Uwe Kohl vor langer Zeit die Husaren wirklich super geführt hat.

Wozu schreib ich diesen Stuss?

Na ja, weder Kant, noch Steirereck, noch Plachutta gehören zu meinen absoluten Lieblingen, alle haben sie etwas an sich, was die Harmonie mit meiner Person beeinträchtigt, den einen versteh ich nicht, der andere ist mir zu undurchsichtig und einer erscheint mir etwas überteuert.......

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