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Christoph Wagner's Weblog
10.03.04 @ 01:37
Tom
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Ich kenne Tom nun schon seit über einem Jahr, und er hat mir bis jetzt fast nur Freude gemacht. Tom ist der Lieferant von www.frischundfrei.at, und es ist fast wie Zauberei: Ich bestelle Sonntag nachts, wonach es mich fürs nächste Wochenende gelüstet: Entenbraten, Galloway-Rind, Turopolje-Schwein, Kalbsbries, Kalbsnieren, Wildhendln, Geselchtes aus dem Kremstal, Lachs aus Westirland, Saiblinge, Karpfen, Kürbiskernwürstel, Lammrohwurst, Taleggio, Scamorza, Pecorino.
Das Schöne daran: Alles, was Tom liefert, kommt nicht nur prompt ins Haus, sondern ist von der Kritischen Tiermedizin geprüft. Ich zahle zwar ein bisserl oder auch noch ein zudätzliches Bisserl mehr dafür, aber dafür weiß ich, dass alles, was Tom liefert, irgendwann glücklich auf einer grünen Weide herumgehüpft ist. (Das meiste davon wurde zwar auch geschlachtet, aber immerhin, ohne vorher lang herumtransportiert zu werden, direkt am Hof oder beim Dorffleischhauer.)
Meistens gebe ich meine Bestellung am Sonntag in der Nacht auf (bevor ich dann wieder in www.speising.net switche). Donnerstag, Freitag oder Samstag bekomme ich dann Besuch. Und Tom, der "Freiländer", der sich eisern weigert, mir seinen Familiennamen zu verraten, steht in seinem gewohnt verwegenen Outfit vor der Tür. Allerdings weiß ich außer seinem Vornamen sonst schon eine Menge über ihn. Ich weiß, dass er ein alter 68er ist, und dass er als Bijouteriehändler ebenso gejobbt hat wie als Autohändler auf der abenteuerlichen Wien-Irak-Achse. Ich weiß, dass er ein leidenschaftlicher Trommler ist, und ich habe von ihm schon gelernt, wie man Familien aufstellt und durch stetige Wiederholung ein und desselben Schrittes ins Universum kippt. (D. h., er hat es mir exakt erklärt, wie das geht; ins Universum bin ich noch nicht gekippt, ich bin ja nicht Tom.)
Dutzende Male hat Tom schon meinen Kühlschrank mit den feinsten Lämmern, Kälbern, Gänsen, Hühnern, Lachsen und Karpfen gefüllt und immer den Eindruck hinterlassen, als sei er von allem, was er mir da verkauft, selbst restlos begeistert. (Ist er auch,) Andererseits hat er mir kürzlich erzählt, dass er eigentlich Vegetarier ist, bis auf zwei, drei "Ausrutscher"in Jahr. Dafür macht er seine Sache allerdings mit bewundernswerter Bravour.
Momentan liefert Tom – immerhin ist bald Ostern — die feinsten und zartesten Kitzerln und Junglämmer aus.
Was mich betrifft, kann ich die Bekanntschaft mit Tom jedem nur empfehlen. Und das, was er anliefert, auch.
Also wie gesagt: www.frischundfrei.at. Dies ist kein Werbespot, sondern entspringt tiefster Überzeugung. "Wenn Sie die Tiere schon essen", hat Tom einmal zu mir gesagt, "dann sollten Sie wenigstens dafür Sorge tragen, dass sie zu Lebzeiten gut behandelt worden sind."
Dem kann ich mich, auch wenn ich seit "Hansi dem Hummer" unter Verdacht stehe, ein klammheimlicher Anti-Animalist zu sein, in jeder Weise nur anschließen.
6 Kommentare | Kommentar abgeben
ChristophWagner, 12.03.04 @ 01:17
Verehrter Amigo
Ich kann Ihre Einwände gut verstehen. Aber ich habe möglicher Weise zu lange Literaturwissenschaft studiert. Als ich nämlich den Schluss von „Hansi der Hummer" schrieb, erstand vor mir plötzlich das Bild des gefesselten Prometheus, und der ist keine gequälte Kreatur, sondern ein unbeugsamer tragischer Held, der erst in seiner Auflehnung gegen die Götter wahre Souveränität erlangt.
Nun werden Sie vielleicht (und vermutlich mit Recht) entgegnen, man sollte, wenn man über Hummer schreibt, nicht soviel heiße gastrosophische Luft blasen. Aber ob Sie es glauben oder nicht, ich wollte Hansi wenigstens auf literarischem Weg einen Epitaph setzen, der ihm jene Würde, die ihm andere (und nicht zuletzt ich) genommen hatten, wieder zurück gab.
amigo, 11.03.04 @ 16:11
heftiger hummer, vol. II
lieber christoph wagner,
weniger schwierigkeiten hatte ich mit der tatsache, dass du hansi, den du zu deinem mal auserkoren hast, um die ecke bringen wolltest. bin völlig mit dir d'accord, dass jemand, der sich tiere schmecken lassen will, diese auch von ihrem leben befreien können sollte. (reichlich konjunktivisch, ich weiß. bin auch der meinung, dass man das grundsätzlich eher profis überlassen sollte). erbsünde, guter ansatz, sollte sich jeder einmal gedanken drüber machen (gänseleber ist ebenfalls ein klassiker in dieser gedanken-kette, und beim kaviar will mir auch schön länger nicht mehr so recht froh ums herz werden ...).
wo ich ihnen allerdings nicht zustimmen konnte, war die interpretation von hansis gefühlsleben. der kerl hatte todesangst, seine verteidigung und ernährung war ihm durch gummibänder genommen. klar, hummer können nicht schreien und auch ihre mimik ist begrenzt. im ein "wohlgefühl" unterm nassen hemd zu attestieren, fand ich dann aber doch recht verwegen. wars auch schon wieder, ebenfalls nichts für ungut.
gruß,
der amigo
noapino, 10.03.04 @ 22:25
Ochsenwangen die Dritte
Auch ich kenne und schätze "Frisch und Frei" (und damit Tom) nun schon seit einigen Jahren und kann das Berichtete (auch was den Tomschen Vegetarismus betrifft) nur bestätigen.
Was ich zusätzlich herausstreichen möchte, sind die freundlichen Damen am Telefon, die auch Sonderwünschen gegenüber stets aufgeschlossen sind. Manchmal scheint das Erfüllen jedoch gar nicht so leicht zu sein: So versprach man mir vor einigen Wochen versprach sich um zwei (Aubrac-Hochland!) Ochsenwangen zu kümmern, musste mir dann jedoch berichten, dass der Kopf samt Wangen leider bereits (horribile dictu) entsorgt worden sei und vertröstete mich auf das nächste Tier. Doch auch hier wieder zwei Tage vor dem bereits mit Tom vereinbarten Termin der Anruf: "Die Wangen wurden nicht geliefert". So erhoffe ich mir nun für die nächste Woche im dritten Anlauf die Lieferung der gesuchten Wangen (gemeinsam mit einem Turopolje-Paket).
Damit ergibt sich dann auch ein passables Verhältnis der Wartezeit auf die Wangen zur geplanten Garzeit (36h bei 60Grad im Beutel).
ChristophWagner, 10.03.04 @ 11:32
Heftiger Hummer
Die Freundschaft von Amigos sollte man niemals aufs Spiel setzen, daher auch eine kurze Replik auf die Hansi-Anspielung.
Als ich die Geschichte geschrieben hatte, gab ich sie, bevor sie zuerst in www.speising.net und dann im Gusto erschien, zunächst ein paar Bekannten zu lesen, und zwar vorzugsweise den VegetarerInnen unter ihnen. Sie alle waren mit mir einer Meinung, dass der satirische Charakter der Geschichte ganz eindeutig sei und dass darin keineswegs dumme Witze über Tierleid gerissen wurden, sondern die Unzulänglichkeit der meisten von uns im Umgang mit unserer Herkunft als Raubtiere das Thema war.
Im Grunde stehe ich nämlich auf dem Standpunkt, dass, wer einen Hummer isst, ihn auch selber töten sollte. Denn dann wird er entweder nie wieder einen essen, oder er wird dies in Hinkunft mit dem angebrachten Schuldbewusstsein tun, von dem er — so er katholisch ist — vielleicht einmal erlöst werden wird.
Das gilt übrigens auch für andere Tiere wie Rinder, Schweine, Lämmer oder Hühner (und letztlich wohl auch für vom Baum gerissene Äpfel). Kurzum: Hansi der Hummer ist eine Geschichte über die Erbsünde, und keine Veräppelung des Tierschutzgedankens.
Interessanter Weise reagierten gerade Menschen, die selbst keineswegs strenge Vegetarier sind, sondern am kalten Buffet hin und wieder recht gerne nach dem Hummerbrötchen schnappen, auf meine Geschichte etwas pikiert. Viele von ihnen essen auch gerne Miesmuscheln alla marinara und kommen gar nicht auf die Idee, dass die noch leben könnten, wenn sie sie in die Pfanne hauen. Von den Austernfreunden, die die Tierchen lieber gleich bei lebendigem Leibe verspeisen, gar nicht zu reden.
Das erinnert mich, mit Verlaub, an unsere Vorfahren in den mittelalterlichen Städten, die sich sehr gerne öffentliche Hinrichtungen ansahen, aber den Henker draußen vor der Stadt wohnen ließen.
Aber ich will die Geschichte von Hansi dem Hummer nicht schöner reden als sie ist. Ob sie zum Nachdenken anregt oder als geschmacklosempfunden wird, das soll jeder Leser für sich selbst entscheiden.
Ich koche jedenfalls nach dem Erlebnis mit Hansi ganz sicher keinen lebenden Hummer mehr, werde mir aber ebenso sicher als finsterer Pharisäer vorkommen, wenn man mir in einem feinen Restaurant einen Hummer Thermidor anbietet und ich ihn, schwacher Mensch, der ich bin, wieder einmal nicht ablehne.
Also, nichts für ungut, Amigo!
amigo, 10.03.04 @ 10:07
tom, der mann, dem frauen vertrauen
ja, das mit dem hummer war heftig. andere frage: liefert tom auch würzige gräser? :o)
piccata, 10.03.04 @ 08:36
frisch und frei ist großartig
wie gestern verraten mache ich mir wie tom aus fleisch eigentlich nichts. hatte aber die gelegenheit mal eines dieser besonderen rinder, wei heißen die nochmal - fällt mir jetzt nicht ein - und das war in der tat phänomenal. ein freund von mir bestellt regelmäßig und ist auch hochzufrieden.
saisonale besonderheiten finden immer berücksichtigung wie das erwähnte kitzerl oder gansln, karpfen usw.
--- 04.09.18 @ 20:56
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