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Christoph Wagner's Weblog
11.05.05 @ 15:21
Eine Lanze für Toni M.
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Wie man sich derzeit auf oesterreich.orf.at/oesterreich.orf?read=detail&channel=10&id=380108 überzeugen kann, ist gegen Toni Mörwald eine Kampagne der Arbeiterkammer Niederösterreich im Gang, hinter der ich allerdings (jedenfalls nach meiner Kenntnis der Gastronomie) Zündler und Neider aus Tonis eigener Branche vermute.
Die Tätigkeit der Arbeiterkämmerer hat übrigens meinen vollen Respekt. Gerade in Zeiten von Globalisierung und Flexibilisierung brauchen wir Leute, die gewissenlosen Flexibilisierungsgewinnern und Globalisierungsabcashern gnadenlos auf die Finger schauen. Nur: Toni M. gehört, zumindest soweit ich ihn kenne (undich kenne ihn ganz gut) nicht zu diesen.
Würde er dazu gehören, so dächte er beispielsweise nicht im Traum daran, Lehrlinge auszubilden, sondern würde unter der Knute von ein paar Professionsten ausschließlich ungelernte Arbeitskräfte und Saisonniers ins Hackeln bringen (und sich im übrigen aus dem schwarzen Arbeitsmarkt bedienen.)
Toni M. ist jedoch, bei allem Selbstdarstellungswillen, der ihm zugegebener Maßen auch eigen ist, einer, dem nicht nur seine eigenes Gastro-Imperium, sondern auch die Gastronomie an sich am Herzen liegt. Und er weiß, dass die Gastronomie ohne ausgebildete Lehrlinge keine Zukunft abseits völlig gleichgeschalteter Systematisierung durch Convenience-Produkte haben wird.
Nun findet aber die Gastronomie, im Gegensatz zum Tischlerhandwerk oder der segensreichen Tätigkeit der Rauchfangkehrerzunft, leider hauptsächlich während der Abendstunden statt. Kein Mensch hat beispielsweise ein Mitleid mit Bäcker- oder sonstigen Lehrlingen, die bereits um zwei Uhr Früh aufstehen müssen, um pünktlich zum Backen der ersten Semmel im Laden zu erscheinen. Wenn ein Lehrling bis Mitternacht kochen soll, gilt er jedoch als „jugendgefährdet”, auch wenn er danach vielleicht noch zwei, drei Stunden Disco anhängt.
Doch genug genörgelt. Alles, was man Toni M. vorwirft, könnte man vergleichbaren gastronomischen Unternehmern auch vorwerfen (und je höher das Niveau des Gebotenen, desto treffsicherer wären die Vorwürfe.) Dass es nun ausgerechnet Toni M. getroffen hat, mag mit seiner Popularität und medialen Allgegenwart zusammenhängen. Die Arbeiterkammer Niederösterreich sollte sich aber dennoch nicht instrumentalisieren lassen, um das Geschäft von ein paar Neidern zu besorgen, die es auch und gerade in der Gastronomie immer gibt.
Vor allem aber sollte auch die AK ein vitales Interesse daran haben, dass in der Gastronomie weiter Lehrlinge ausgebildet werden, und das wird, wenn sich die bisherige fundamentalistische Sicht auf die Dinge nicht bald geändert hat, zumindest in der Gastronomie nicht mehr lange so sein.
34 Kommentare | Kommentar abgeben
karlheinz, 18.05.05 @ 17:38
karriere mit lehre
"...und da eben auch eine Lehre zu den besten Ausbildungsmöglichkeiten in unserem Land zählt, sollte das auch so gehandhabt werden."
ja, lieber a.b., ja und nochmals ja, da gebe ich ihnen vollkommen recht, man kann es nicht oft genug laut verkünden!
opas satz mit der schule und der lehre möchte ich allerdings etwas ins rechte licht rücken, ohne jetzt eine ganze generation jugendlicher als deppen dastehen lassen zu wollen, gott behüte!
aber ein nicht vernachlässigbarer teil unserer pflichtschulabgänger rekrutiert sich schon aus jenen, bei denen es der liebe gott nicht so gut gemeint hat, sei es aus gründen des auffassungsvermögens oder jenen familiärer unsäglichkeiten, welche die fähigkeit zu konsequentem und selbstverantwortlichem handeln nicht unbedingt fördern.
es sind das nicht diejenigen, die sich locker und easy für eine weitere schullaufbahn (wie selbstverantwortlich deren handeln nach einer matura sich darstellt, ist ein weiterführendes thema und zeigt, dass man nicht verallgemeineren sollte) empfehlen.
Ihnen bleibt als karieremöglichkeit der lehrplatz.
ein mensch, der sich selbst im leben nicht positionieren kann, wird auch schwierigkeiten diesbezüglich haben, wenn es um die berufswahl geht. eingleisiges, direktes und ich - zentriertes denken fördern ein gefälliges verhalten am arbeitsplatz auch nicht gerade.
natürlich kann man sagen: "ja, solche halten sich eh nur 14 tage! es gibt auch genug möglichkeiten für ungelernte."
aber hier sollte man als lehrherr ansetzen, behutsam zu wirken (im rahmen ökonomischer vertretbarkeiten!) und "seinen" lehrling, wenn er nicht gleich profiqualitäten hat, langsam aber gezielt an die vollen anforderungen heranzuführen. ich kenne wohl solche, auch im gastronomiebereich, und bin eh der meinung, dass das größtenteils so läuft.
nicht jeder schnupperer ist interessierter sohn eines gehobeneren, routinierten betriebes und kann täglich an seinen eltern sehen, wie's geht und was notwendig ist. da sieht die sache klarerweise anders aus.
tastatour, 18.05.05 @ 13:58
Ganztageslehre
Vergleicht man das Erlernen in einer Lehre mit dem Lernen an einer höhren Schule (wogegen wirklich nichts einzuwenden ist), so sollte man vielleicht bedenken, dass eine Lehre eine viel weniger institutionalisierte Form des "Lernens" ist.
Instiutionalisiert man den Weg der Lehrberufe - rechtlich wie behördlich - so hätte man ein Vielfaches an Regelungen und Ämtern. Es wäre ein Heidenspass, dann Klagen über die Auswüchse des "Steinzeitkommunismus" zu vernehmen, zumal der freie Arbeitsmarkt, also die sogenannte "wirkliche Welt", zwar flexibel genannt wird, jedoch eher bloß nach der Logik der beleidigten Leberwürste zu funktionieren scheint.
andreasbigler, 18.05.05 @ 13:34
Tonis Reaktion ....
Ich habe mir absolut nichts anderes von Toni erwartet und das ist jetzt keines Falls negativ gemeint. Ich hätte wohl nicht anders reagiert. Ich kenne ähnliche Situationen aus anderen Bereichen, da melden sich Menschen freiwillig zu etwas und beginnen dann vielleicht zu maulen, wenn ihnen gezeigt wird, wie es in der Realität dieser Branche zugeht.
Wer regt sich auf, dass zum Beispiel ein HBLA Schüler inklusive Lernzeit zu Hause locker auf 60 Stunden "Normalarbeitszeit" kommt. Ich sag mal, kein normaler Mensch, denn in jede Ausbildung muss die gesamte persönliche Energie investiert werden, sonst ist sie auf gut wienerisch für die Fisch. Schüler einer höheren Schule haben eine 6 Tagewoche und oftmals gehört auch noch der Sonntag zur Arbeits = Lernzeit dazu. Ein Lehrling ist ebenfalls ein Schüler, da er ja auch lernen muss um sein Ausbildungsziel zu erreichen und jeder Jugendliche, der nur halbwegs ehrgeizig ist, wird nicht mit der durchschnittlichen Menge mitschwimmen wollen und daher auch wissen, dass er ein wenig mehr leisten muss, um sich und allen anderen zu beweisen, dass er ein wenig besser ist, oder sind wir wieder bei Opas Spruch, "wennst zu blöd für die Schule bist, dann gehst eben in eine Lehre"?
Glücklicher Weise wird heute eine Lehre nur noch von den aller weltfremdesten Menschen als zweitklassig angesehen und da eben auch eine Lehre zu den besten Ausbildungsmöglichkeiten in unserem Land zählt, sollte das auch so gehandhabt werden.
Und Tonis Entscheidung, keine Lehrlinge mehr ausbilden zu wollen, ist nicht neu und wird wohl noch von vielen anderen Betrieben getroffen werden, denn was macht es für einen Sinn, während der Ausbildung eine gefakte Realität zu praktizieren?
Minimalist, 17.05.05 @ 18:49
..was zu befürchten war
Ich kenne TM nicht. Nicht persönlich. Nicht seine Küche/Reataurents. Auch wenn ich seine Reaktion verstehe, so ist sie doch sehr enttäuschend. Meine Vorliebe für die Selbsbestimmung (auch bei Auszubildenden / Jugendlichen) habe ich ausgebreitet. Ich möchte mit aller Kraft zur Liberalisierung beitragen. Ich traue jungen Menschen wirklich viel zu. Aber, jetzt sind die Gesetze/Verordnungen so wie sie sind. Jugendliche gar nicht mehr auszubilden ist, bei positiver Auslegung, falsch gedacht. "Siagstas da hastas dass mi jetzt so friat, weilst ma kane Sockn kaft hast"? Wenn ich schon nicht an die fehlenden Chancen Jugendlichen denke, "Lernen durch Lehren" ist ein wesentlicher Faktor gesellschaftlicher Ko-Evolution. Warum kann TM nicht das Optimum (für sich und die Lehrlinge) unter den Randbedingungen heraus holen. Wenn es um die Liberalisierung geht, gehe ich mit ihm auf die Strasse. Aber Verweigerung ist kein Konzept.
Morgen fahre ich, enttäuschter Minimalist, für 5 Tage ins Friaul. In meinem Lieblingsrestaurent (von ganz Italien) "Aquila d'Oro" (Schloss Ruttars) servieren Sig. Tutti und seine Frau (mit der liebevollen Zurückhaltung der Selbsbewussten). Die Schwester Anna kocht. Der 15jähriger Sohn schnuppert schon.
ChristophWagner, 17.05.05 @ 18:03
Übrigens...
Habe gerade auf der Kärnterstraße Toni M. getroffen. Er überlegt jetzt ernsthaft, die Lehrlingsausbildung in allen seinen Betrieben einzustellen.
Rest s. meinen ersten Eintrag.
karlheinz, 17.05.05 @ 15:52
ad spitzenleistungen
nicht zu vergessen bleibe jedoch, dass kochen auf obgenanntem niveau und erbringen solchgestalter spitzenleistungen vergleichbar mit der formel I im automobilrennsport ist und dass ein rookie in dieser klasse keinesfalls direkt aus dem gokart - milieu kommt.
einen solchenen würde es nämlich bei seinen ersten fahrversuchen im gehobenen gerät genauso derschmeißen wie einen kochlehrling unter ducasse - realbedingungen.
geben wir ihm doch die chance, sich durch die klassen steigenden niveaus hinaufzufahren in den olymp des gästebezogenen kochens - wenn er's dann nicht schafft, bleibt er eh in einer anderen klasse hängen oder wird spediteur.
von einem 16 - jährigen zu erwarten, er hätte bereits die lebenseinsicht und somit die nötige arbeitstechnische konsequenz eines mitten im berufsleben stehenden erwachsenen ist entwicklungspsychologisch nicht nachvollziehbar und kommt eher einem sinnlosen burnout denn einem gewissenhaften warmup nahe, um beim motorischen metaphorischen zu bleiben.
ChristophWagner, 17.05.05 @ 15:00
Spitzenleistungen
Die erwarten wir doch alle, und meist auch noch zu einem Spitzenpreis (im Sinne des Konsumenten natürlich; die Beteuerungen mancher Kollegen, gerne mehr zu zahlen, wenn dafür die Lehrlinge glücklich wie Hühner sind, nehme ich nicht recht ernst.)
Spitzenleistungen brauchen, von wem immer sie erbracht werden, ob im Sport, im Ballett, in der Oper, in der Wissenschaft, natürlich auch im Management und vor allem auch in der Gastronomie Zeit und Energie.
Wer nicht ungezählte Stunden üben will, wird kein weltberühmter Pianist werden. Und wer nicht gewillt ist, über fixe Arbeitszeiten hinaus (nicht zuletzt an sich) zu arbeiten, der wird halt vielleicht ein braver Arbeitnehmer mit Pensionsanspruch, Spitzenleistungen wird er hingegen keine vollbringen. (Muss auch nicht jeder.)
Doch lassen wir einmal die Lehrlinge (und den Jugendschutz, der meiner Meinung nach für Arbeit und Freizeit, aber nicht nur für eines von beiden gelten sollte) beiseite: Kein Mensch, der heute bei Ducasse, Robuchon, Haas, Adrià, Guérard oder sonst wo in einem Top-Betrieb als Commis oder in einer anderen untergeordneten Position kocht, verdient dort einen nennenswerten Betrag und hackelt dafür dennoch rund um die Uhr. Manche bekommen gerade Kost und Logis, andere zahlen sogar für die Arbeitsmöglichkeit und suchen sich einen Sponsor, der das für sie berappt. Warum? - Weil sie mit Recht annehmen, dass es ihnen hilft, später selbst und unter ihrem eigenen Namen Spitzenleistungen zu erbringen.
Also nichts gegen Achtstundentag und Ruhezeiten, schon gar nichts gegen den Sozialstaat, aber Spitzenleistungen funktionieren (selbst bei einem saturierten alten Herrn wie mir) nur außerhalb des Kollektivvertrags.
Mit der Versicherung, dennoch kein Anhänger des Manchester-Kapitalismus, sondern eher des Gegenteils davon zu sein, verbleibe ich in aller saturierten Demut
PeterBeck, 17.05.05 @ 12:24
Naja ...
...also ich bin ja schon der Meinung, dass Lehrlinge noch als Lehrlinge behandelt werden sollen und nicht die Arbeitszeit sprengend 12 oder noch mehr Stunden eingesetzt sein sollten. - Noch dazu bei dem Verdienst. Das errinnert mich bei allem Respekt an Ausbeutung schlimmsten Ausmaßes auf dem Rücken der Schwächsten. Klingt nach Klischee, muss aber gesagt werden.
Und verehrter Herr Wagner, Disco mit Arbeit zu vergleichen kann nur ein saturierter Herr, der so über Jugendliche spricht wie damals schon über uns gesprochen worden ist. "Wenn`s so lang fortgehen können, werden auch so lang arbeiten können ..." :-)
Ich finde die Diskussion gut und wie gesagt, die Lehrlinge müssen geschützt bleiben und sollten keineswegs für 12 oder 15 Stunden Dienste eingespannt werden.
Minimalist, 16.05.05 @ 11:44
1600h versus 3200h
Am gefaulenzten Pfingst-Sonntag ist mir noch ein Gedankenmodell eingefallen: wie kann das mit den 1600h im Jahr gehen? Und zwar genau in dem Augenbick als ich einen wunderbaren "Goldforellen-Kaviar" vom Bachmann (Kärnten) verspeiste.
Nehmen wir an ich könne ein wunderbares Haselnussöl (oder...) produzieren (garantiert "nacht-gepresst"). Ich habe keinesfalls genug Kapital um eine flächige Markteinführung (a la Waschmittel) einzusetzen. Also, versuche ich die Supermarktketten. Eine ist interessiert. In voller Markmacht, bietet sie mir 10 / Flasche. Die Vollkosten / Flasche seien 8. Für ein minimal-komfortables Leben brauche ich 1000 / Monat. Also müsste ich 500 Fl / M in, sagen wir, 250h produzieren.
Also Speising! Pfiffige Geniesser mit einem Experten für das exklusive, emotionale Produkt als Bürgermeister. Mit einem "schwarzen Brett" gegen faire Gebühr. Ich schalte einen online Banner "Gold-Oil, Minimalist's unprecedented Hazelnutoil pressed in nights only, BUY NOW FOR ONLY 18". Ich brauchte also nur 100 Fl / M in 50h für mein Minimalleben. Das Potential in Speising sei aber 300 / Monat. Jetzt gabe ich die Freiheit: wieviel möchte ich wirklich verdienen und arbeiten?
Aber (Seitenhieb), ich kann keine Lehrlinge in die Kunst des Nachtpressens einweisen, weil...
steppenwolf, 14.05.05 @ 00:52
@Minimalist
Lieber Minimalist,
ich muss sie mal direkt so ansprechen, denn eigentlich sprechen Sie mir ja aus der Seele. Ich kann alles unterschreiben, was Sie da so schreiben. (Auch wenn man im Internet ja eigentlich per du ist.)
Aber wie sollte es mir denn neben den 3200 Stunden überhaupt gelingen, einen Viognier zu süffeln?
Alle meine Freunde, die vielleicht unterschiedliche Meinungen über mich hätten, wären sich einig: als Hedonist gehe ich durch. Selbst unser Bürgermeister würde hier vermutlich zustimmen:)
Also bitte ich jetzt einmal nur an: hans_karl_hartmann@yahoo.de . Treffen wir uns doch einmal persönlich - das könnte ein interessantes Gespräch werden.
Minimalist, 13.05.05 @ 18:47
Schutz der Auszubildenden
Ich-Erlebnisse sind fad und neigen dazu Paradoxa zu erzeugen ("Ich lüge immer").
Trotzdem: Ich war Lehrling (Metallverarbeitung), später Maturant und konnte erst mit 27 mein Mathematikstudium beginnen. Fulltime. Ohne Nebenerwerb. Ich habe vorher und nachher nie wieder soviel "gearbeitet" wie in der Studienzeit. Hätte ich als Lehrling meine gesamte Neugier und Kreativität ausleben können, wäre das Studium vielleicht schon mit 22 möglich gewesen, weil das nötige Geld schon bis dahin beisammen gehabt hätte?! Warum studieren, wie ein "Berserker"? Ich wusste einfach, Kapital für die Zukunft. Aber manche meiner 18jährigen Kollegen konnten dasselbe Ergebnis mit viel "lockerer Hand" erzielen und/oder 2 Nächte durchstudieren, während ich schon nach einer ermattet niedersank. Meine 38-40 Stundenwoche zehrt noch von diesem Kapital.
Wir schützen aber unseren jugendlichen Auszubildenden davor das zu tun was sie am allerbesten können:
- Neugierde
- Wissensdurst
- Naivität
- Kreativität
- Flexibilität
und
- unendliche Ausdauer
Darin schlagen sie uns Erwachsenen um Längen (vielleicht fürchten wir uns auch genau davor).
Die modernen Didaktiker reden heute von entdeckendem, konstruierenden Lernen (das geht aber nicht, wenn ich dann nach Hause muss, wenn es im Abend-Restaurent spannend wird; am Vormittag bleibt mir nur der Besen und der Putzfetzen).
Das Zauberwort ist freiwillig. steppenwolf, das gilt auch für die 3200 Jahresstunden. Wenn Sie das Gefühl haben, das ist möglich ich, werde Sie niemals davon abbringen wollen, solange Sie nicht MIR diese Latte legen. Viognier 2000 ja, 80h Woche nein. Wann soll ich den dann den Viognier süffeln und 5mal im Jahr zu Johanna Maier nach Filzmoos pilgern und in die Oper nach Zürich oder Paris gehen oder "Einstürzende Neubauten" hören und 2 Bücher / Woche lesen und Giro d'Italia im Fernsehen anschaun,...
peter s, Faire Bezahlung wofür? Für 200 Stunden Arbeit? Eine gute Idee? Einen zufriedenen Kunden? Gerade in der Küche. Ich bin mir ganz sicher, die künftige Spitzenköchinnen kochen die Küchenchefs ihrer Lehrherren schon als 15jährige an die Wand, wenn man sie lässt und nicht bedingungslos beschützt.
Gesetze und Verordnungen müssen ja nicht ewig gelten, oder doch?
peter_s, 13.05.05 @ 13:29
Themen trennen!
Es geht hier um durchaus unterschiedliche Dinge, die man voneinander getrennt (und durchaus differenziert) betrachten sollte:
(1) Toni Mörwald: Ich habe sein Restaurant in Feuersbrunn sehr geschätzt, als er dort noch selbst tätig war. Seither beobachte ich die Entwicklung mißtrauisch. Bei derart ausgeprägtem Expansionsdrang bin ich skeptisch -- egal, ob es ich um Ducasse, Bocuse, Plachutta, oder eben Toni M., handelt.
Davon unabhängig sind die aktuell vorgebrachten Vorwürfe, bei denen ich nicht beurteilen kann, ob sie korrekt sind. Ich sehe aber zwei verschiedene Arten von Vorwürfen, die ich -- vom juristischen Standpunkt abgesehen -- unterschiedlich beurteilen würde: Während ich Flexibilität bei Arbeitszeiten als notwendig ansehe, muß die Erfüllung finanzieller Ansprüche selbstverständlich sein.
(2) Arbeitsbedingungen im Gastgewerbe: Ich wünsche mir faire Bezahlung für alle Angestellten (sodaß Trinkgeld als soziale "Verpflichtung" überflüssig ist) und gute Arbeitsbedingungen. Ich bin überzeugt, daß Freude am Beruf und Beruf als Berufung wichtige Voraussetzungen dafür sind, daß der Gast durch gleichbleibend gute (oder gar hervorragende) Leistungen zufriedengestllt wird.
(3) Lehrlinge: Lehrlinge sind sind in einem Betrieb das schwächste Glied in der Kette. Deshalb, und weil sie schlecht bezahlt werden, benötigen sie gesetzlichen Schutz vor rücksichtsloser Ausbeutung. Dieser Schutz darf jedoch nicht zu weit gehen: Sie sollen einen Beruf erlernen und dazu gehört auch, unter Bedingungen zu arbeiten, die der Berufswirklichkeit entsprechen. Im Gastgewerbe wird abends und nachts, sowie an Sonn- und Feiertagen gearbeitet. Das muß daher auch für Lehrlinge -- auch wenn sie Jugendliche sind -- gelten dürfen. Sollten die gesetzlichen Bestimmungen das nicht erlauben, so sind sie tatsächlich nicht angemessen bzw. "überholt".
profiler, 13.05.05 @ 13:25
der arme toni ?
also tenor der obigen kommentare ist folgender:
der mörwald tut allen leid, weil die böse arbeiterkammer drauf gekommen ist, dass in seinen betrieben die lehrlinge länger als erlaubt arbeiten müssen.
andererseits will kaum einer, dass seine eigenen kinder eine lehre in der heimischen gastronomie machen.
warum eigentlich nicht??
vielleicht aus sorge darüber, dass die kleinen zu viel arbeiten müssten......
möglicherweise sind sich die meissten nicht bewusst dass man in fast keiner anderen branche mit einer normalen lehre derart karriere machen kann wie in der gastronomie.
ich kenne die gehälter von top küchenchefs und hoteldirektoren ganz genau.
vielleicht sollte man hier einmal festhalten, dass in der gastronomie ebenfalls rahmenbedingungen bezüglich der lehrlingsausbildung gelten, wie überall anders auch.
nun ist es vielfach ganz einfach so dass eben lehrlinge als billige arbeitskräfte eingesetzt werden.
ein kochlehrling im zweiten oder dritten lehrjahr kann ja auch schon ein bischen was und da kann man sich dann schon ein paar teurere "ausgelernte" sparen.
kein gastronom wird gezwungen lehrlinge auszubilden, aber wenn sich einer dazu entschliesst sollte er sich doch an die vorschriften halten.
auch der herr mörwald.
ich selbst habe sicher schon 25 oder mehr lehrlinge ausgebildet, aber mit der arbeiterkammer hatte ich noch nie ein problem und werde auch hoffentlich keines haben.
zumindest trage ich meinen teil dazu bei.
also falls jemand seine kinder bedenkenlos in eine kochlehre schicken möchte, kann er das ja gerne bei mir machen.
was die weiteren berufschancen in der gastronomie anbelangt empfehle ich jedem der zweifel hat einen blick in das oscars job magazin oder in die zeitschrift rolling pin zu werfen.
zumindest in westösterreich, schweiz und so weiter können es sich gut ausgebildete und ambitionierte leute aussuchen wo sie arbeiten wollen.
gruss
andreasbigler, 12.05.05 @ 23:33
Wer bescheißt wen?
Ich hab mir das alles wirklich sehr sorgfältig durchgelesen und ich könnte viel dazu sagen, werde mich aber kurz fassen.
Ich kenne Toni auch schon eine halbe Ewigkeit und auch die Gepflogenheiten in der Gastrobranche, hier läuft sicherlich mehr "link" als in so manch anderen Branchen - sagen wir mal, das ist eben so, aber wo mir wirklich die "Kabel anschwellen" ist der Umstand, dass manche Gastronomen absolute Narrenfreiheit haben (Toni gehört sicherlich nicht dazu, denn er sagt zu oft seine ehrliche Meinung).
Ich wundere mich immer wieder, wie es funktioniert, dass manche Gastronomen mit 5 bis 6 Betrieben, die guten Umsatz machen, von 25 Mitarbeitern nur 3 angemeldet haben und der Rest schwarz arbeitet, ohne dass hier eine Behörde hart durchgreift - liegt es vielleicht daran, dass da die "richtigen" Leute im Hintergrund die Macher sind?
Seine Kinder eine Gastrolehre machen zu lassen, ist wirklich nicht besonders schlau, da sie sowieso keinen Job kriegen werden, weil ja das nicht angemeldete Personal aus den Ostländern für 7 bis 8 Euro die Stunde arbeitet und noch dazu nicht einmal mault, wenn täglich 14 Stunden Arbeitszeit anfallen und das gleich 7 Mal pro Woche, denn je mehr Stunden, desto mehr Kohle.
Und wenn einer an den Pranger gestellt wird, dann macht es mehr Sinn, einen medial bekannten Gastronomen zu nehmen, denn wer kennt schon Herrn XY ......
steppenwolf, 12.05.05 @ 22:09
@Minimalist
Ich muss zu dem 1600h-Jahr einen Kontrast setzen. Ich habe sicherlich viele Jahre meines Lebens eher mit dem 3200h-Jahr gelebt - und das ziemlich gut. Als "Techniker" hätte ich ja auch ohne Salär gearbeitet, wenn jemand für meinen Lebensunterhalt aufgekommen wäre. So musste ich manchmal auch um mein eigenes Gehalt verhandeln. Wesentlich erscheint mir aber eine Episode, die sich irgendwann in den 80erjahren zugetragen haben muss. Mein Chef erzählte mir damals, dass sich der Betriebsrat darüber aufgeregt hätte, dass ich manchmal in der Nacht durcharbeite und sonst nicht geregelt zu erreichen sei, weil ich manchmal erst zu Mittag aufkreuzte. Der damalige Generaldirektor, ein an sich ziemlich scharfer Hund, hätte den Betriebsrat eingebremst: "Lasst's mir den H in Ruhe, es ist vollkommen egal, wann der arbeitet, denn wenn er arbeitet, macht er mehr als drei andere." Ich bin eigentlich heute noch stolz auf diese Einschätzung. Sie kam von einem Mann, der in der Firma als Lehrling angefangen hatte, dann die Matura, ein Studium, ein Doktorat neben der Arbeit gemacht hatte, bis er dann schliesslich zum Generaldirektor bestellt wurde.
Ich musste einmal eine Umfrage erstellen, was Personalchefs und Unternehmer aus der Elektronikindustrie an freiwilliger Selbstbildung von ihren Angestellten erwarteten. Bei meiner Skala hatte ich 0,1,2,4,8 und mehr als 8h ermöglicht. Der Häufungspunkt der Antworten (die im Übrigen signifikant waren) lag bei 8 und mehr als 8.
Ich arbeite zur Zeit in der EDV und bin entsetzt, welche Trägheit in großen Unternehmungen in punkto Selbstorganisation der eigenen Ausbildung existiert. Es kommt ein neues System und die erste Frage ist: "bekomme ich da eine Schulung?" lang gedehnte Frage mit Hebung der Stimme zum Schluss. Nun wird in unserem Unternehmen nicht nur lange sondern auch gut geschult. Ich habe auch absolut nichts dagegen, wenn der Computeranwender in neuen Anwendungen geschult werden muss. Wenn aber der Entwickler, welcher mit einem neuen Entwicklungswerkzeug ausgerüstet wird, dafür eine Extra-Schulung verlangt, sonst kann er sich das Tool nicht einmal installieren, dann halte ich das für eine selbstverschuldete freiwillige Disqualifikation. Denn jeder Computer-Hobbyist oder Student wäre froh, wenn er sich mit dem neuen Tool "spielen" dürfte und seine eigene Leistungsfähigkeit ausreizen könnte.
Ich unterrichte auch in Gebieten der ehemaligen DDR und stelle fest, dass es auch einen Neugiergradienten von Leipzig nach Wien gibt. Leipziger Studenten sind einfach neugieriger. (und hungriger) Nun stellt sich die Frage, - die irgendwie glaube ich mit dem Originalthema zusammenhängt - wann sollen die Leute lernen?
Die einfache Antwort ist: immer! Das läßt sich aber schwer mit Ruhezeiten und garantierten Freizeiten vereinbaren. Es läßt sich überhaupt nur dann mit irgendetwas vereinbaren, wenn man die Lust am Lernen behalten hat. Wenn ich diese nicht habe, dann werde ich mich über kurz oder lang mit einem bestimmten, festgelegten Platz in der Gesellschaft begnügen müssen, wobei dieser Platz durch die Effekte von EU-Erweiterung und allgemeiner Globalisierung stetiger Infragestellung ausgesetzt ist.
Wenn ich lernwillig und neugierig bin, sehe ich mir auch in einer Abendveranstaltung, die nicht mit den normalen Dienstzeiten vereinbar ist und für die ich auch keine zusätzlichen Stunden verrechnen darf, einen Gamma auf der TU an, weil es einfach interessant ist, den Leuten bei der Arbeit zuzusehen, die irgendetwas erfunden oder entwickelt haben.
Ich würde also, - um diesen Text wieder an den von Minimalist heranzuführen - nicht einmal behaupten, dass ich in 3200h mehr leisten kann als in den angesprochenen 1600. (Obwohl ich da insgeheim ja schon meine Spekulationen pflege.) Es gibt zB eine Programmiertechnik, bei der immer zwei Programmierer vor einem Bildschirm sitzen und sich an der Tastatur abwechseln: pair programming. Nach Aussage des Erfinders hält man das gar nicht länger als 6 Stunden am Tag durch, und Freitag mittag ist Feierabend.
Aber ich selbst erwarte von mir und teilweise halt auch von den anderen, dass man in einer Branche, die sich stündlich verändert, (selbst wenn die großen Systeme eine Halbwertszeit von 17 Jahren im Durschnitt haben) dass man sich selbst stetig weiterbildet und dass man sich auch die Neugier am Neuen erhält. Sonst befindet man sich möglicherweise in der falschen Branche. Ob ich das Lernen dann als Arbeit, als Spass oder als Befriedigung eines (Neugier)-Triebes empfinde, liegt im Auge des Einzelnen. Da hat aber dann auch eine Gewerkschaft das Recht zur Argumentation verloren, denn es kann nicht verordnet werden, dass ich in meiner Freizeit fernsehen muss oder mich beim Marathon beteiligen muss, wenn ich statt dessen lieber ein interessantes Buch lese.
Ich halte daher sowohl die 1600h für unrealistisch, wenn nicht Teile der Freizeit für Weiterbildung aufgehen, als auch 3200h für übertrieben, obwohl ich das lange Jahre gelebt habe. Ich hab aber die Entschuldigung, dass ich noch nie richtig den Unterschied zwischen Arbeit und Spass begriffen habe.
Minimalist, 12.05.05 @ 20:48
Lechts und Rinks
Zuerst, eine Beneidung: lieber steppenwolf, Viognier 2000 (bei mir schon 9 Monate aus) ist natürlich noch besser als 2002.
Danach, eine Entschuldingung für alle Zeiten: ich bin ein 60jähriges Kind 30jähriger Computerkommunikation. Schreiben wie reden: einfach drauf los; schrecklich fehlerhaft und schlampig (Viognee!, Chilli!, wudre!...). Sorry! Wirlklich! Ehrlich! Knirsch!
Zum Thema: müssen wir wirklich alles regulieren?
Zum besseren Verständnis: ich bin SW-Unternehmer (mit 60% Export) und arbeite selten mehr als 38-40 Stunden die Woche: konzentriert und dann wenn es notwendig ist.
Ich, überhebliches A...., lach mir einen Ast, wenn Industriekapitäne mit ihren 80 Stundenwochen Punkten wollen. Ja, genau so schauen die Ergebnisse auch manchmal aus.
Ich bin für die 35 Stundenwoche (für alle) aber mit mehr Flexibiltät und Selbstbestimmung: einmal 12 Stunden arbeiten und dann 2 Tage frei oder so: in Summe 1600h im Jahr. Einer 16jährigen kann man das nicht zumuten?
Ich möchte einfach, dass die Dinge zu Ende gedacht werden: muss uns der Staat alles vorkauen und uns bis ins letzte Detail vor allem schützen? Was nimmt er uns dafür? Souveränität!
Ich behaupte: das ist nicht sozial.
Das ökonomische Interesse: ist es wirklich der Feind der Arbeitenden?
Wie wär's mit zuerst verdienen und dann verteilen (und nicht umgekehrt).
Manchmal entpuppt sich ein Totenkopf bei genauem Hinschaun als Schmetterling.
Ihr linker Kapitalist,
steppenwolf, 12.05.05 @ 18:11
@Minimalistischer Viognier
hat ja nichts mit dem Thread zu tun, aber es juckt mich einfach in den Fingern, mitzuteilen, dass ich gestern maßgeblich am Leeren einer Flasche Viognier 2000 beteiligt war.
Es ging hier aber weniger um Beruhigung als um ausgesprochen gute Laune und um die Freude, diesen Wein auf der Weinkarte des Vincent finden zu können.
Der hat dort überhaupt ein paar ganz nette Weinderln auf der Karte, aber das schreibe ich später noch in der Lokalkritik.
noapino, 12.05.05 @ 16:16
@pastinake: GastgewerberbearbeitnehmerInneninteressenschutzei
damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich behaupte keineswegs, dass die derzeit geltenden gesetzlichen Grundlagen das Gelbe vom Ei des GastgewerberbearbeitnehmerInneninteressenschutzes sind. Dazu fehlt mir genauso die detaillierte Kenntnis der Regelungen, wie auch die des Arbeitsalltags in Restaurantküchen.
Ich bin sogar überzeugt, dass auch hier kontinuierlicher Anpassungs- und Verbesserungsbedarf besteht. (Wo ist das nicht so?)
Für problematisch halte ich es jedoch, wenn diese Regelungen nach eigenem Gutdünken vom Arbeitgeber abgeändert werden. (Umgekehrt würde sich dieser – mit Recht – genauso wehren).
Denn die Interessenlagen eines Arbeitnehmers und die eines Arbeitgebers differieren halt doch in einigen Bereichen und um meinem üblen Ruf als Zitatenschleuderer wieder einmal gerecht zu werden rufe ich einen unverdächtigen Zeugen zu hilf:
Democracy is the worst form of government - except for all those other forms, that have been tried from time to time.
(Winston Churchill)
jamiesolive, 12.05.05 @ 15:57
Nachtwächter
Ich denke, man sollte das alles nicht zu sehr ideologisch überfrachten. Nachtwächter beispielsweise gehören gut bezahlt, sozial abgesichert und sollten möglichst gesunde Arbeitsbedingungen vorfinden. Das einzige, was man vernünftiger Weise nicht über sie verhängen sollte, ist ein Nachtarbeitsverbot.
Nun ist Nachtwächter, glaube ich, kein Lehrberuf. Aber im übrigen gilt für Köche, gleich welchen Alters, ziemlich dasselbe wie für Nachtwächter. Unabhängig davon, ob sie ihren Job im real existierenden Sozialismus oder im Turbokapitalismus ausüben: Es wird spät.
pastinake, 12.05.05 @ 13:41
Liebe Katiza!
Dass jeder Akademiker einen Gewerbeschein bekommt, aber ein talentierter Nichtakademiker die Konzessionsprüfung machen muss, ist mir leider bekannt. Auch dass es einen regen Konzessionsmarkt gibt, das ist ja gerade das Problem einer verlogenen Reglementierung!
Wir sind uns einig, dass Lehrlinge nicht ausgebeutet werden sollen. Ich distanziere mich auch vor Begriffen wie "Abhärtung". Ich halte aber im Gegensatz zu Ihnen und Noapino die gesetzlichen Methoden für ungeeignet. Meine Vorstellung von sozialem und solidarischem Zusammenleben beinhaltet auch den Wandel, das Überdenken von Regeln. Vieles wurde zum Schutz gegen Ausbeutung eingeführt und führt unter geänderten Rahmenbedingungen zu Benachteiligungen (z. B. Nachtarbeitsverbot für Frauen). Ein Anstoss zum radikales Überdenken des Ausbildungssystems in der Gastronomie: fast alle meine höchst erfolgreichen Lieblingsköche und Köchinnen haben keine Lehre absolviert.
noapino, 12.05.05 @ 12:46
Anarchie ist machbar,....
.... Herr Nachbar.
Toni M erklärt: "Das Arbeitszeitgesetz im österreichischen Tourismus ist überholt." Diese Ansicht sei ihm unbenommen. Genauso wenig das Bemühen eine Änderung des Gesetzes herbeizuführen.
Aber auch auf die Gefahr hin, (wieder einmal) der hoffnungslosen Obrigkeitshörigkeit geziehen zu werden, erlaube ich mir doch (rhetorisch) nachzufragen: "Bitte warum?". Warum ist das Arbeitszeitgesetz "überholt" und wodurch?
Zumindest der ORF enthält uns eine diesbezügliche Antwort vor, darum sei es mir erlaubt zu spekulieren: Es sind keine prinzipiellen, der spezifischen Situation im Gastgewerbe des 21. Jahrhunderts innewohnenden (in den letzten Jahren neu entstandenen) Eigenheiten, die es einfach unvermeidbar machen, geltende Arbeitsschutzbestimmungen zu ignorieren, sondern schlicht und einfach ökonomische Interessen.
Eine andere "Lösung" als die gewählte wäre teurer.
Ich bezweifle nicht, dass Herr Mörwald hier nicht besser und nicht schlechter ist als viele seiner Berufskollegen. Aber das "Tu quoque" war doch immer eines der mattesten Argumente. Und solange hier nicht mehr vorgebracht wird, wäre es mir bedeutend sympathischer, er würde die Preise entsprechend erhöhen, seine (unbestritten) Verdienste um die Nachwuchsförderung in der Gastronomie in gewohnt professioneller Art herausstreichen und versuchen darauf hinzuwirken, dass auch (!) die Anderen geltende Bestimmungen einhalten.
Um mich nicht misszuverstehen: es erscheint mir keineswegs unplausibel, dass da jemand der Konkurrenz ans Zeug flicken will. Auch gibt es viele Gründe, gesetzliche Bestimmungen zu ignorieren, aber nach meinem Dafürhalten sollten diese Gründe zunächst dem Kriterium des Kategorischen Imperativs genügen können. Und das scheint mir hier doch eher fraglich.
Somit darf ich für dieses Turnier mein Taschentuch an katizas Lanze heften
hypercube, 12.05.05 @ 11:45
Nein ganz und gar nicht allein auf weiter Flur
Ich glaube nicht, dass unbedingt um Herrn M. geht. Es geht um die Einhaltung von erkämpften Rechten. Wir haben Dank des Einsatzes von vielen engagierten Menschen in diesem Land eine Sozialgesetzgebung, die Jugendliche in Ausbildung aus gutem Grund besonders schützt. Ich glaube so sollte es auch bleiben. Aber darüber kann man diskutieren.
Worüber ich aber nicht wirklich bereit bin zu diskutieren, ist die Frage ob gewisse Gesetze nur für manche (dann nämliche den Aktionären der "Deppen vom Dienst AG") gelten sollen.
Und wenn sich die Meinung (wie in einem Posting geäußert) durchsetzt, dass man dankbar sein muss, arbeiten zu dürfen, fühle ich mich in feudalistische Systeme zurückversetzt. Und gegen einen neuen Feudalismus werde auch ich kämpfen.
katiza, 12.05.05 @ 11:19
Ach, Herr Bürgermeister,
wusste ich es doch, in Speising herrscht Demokratie! Und dass Sie dann auch noch den Bert Brecht ins Spiel bringen, entzückt mich. Weil auch bei mir meist erst das (Fr)Essen und dann die Moral kommt, ist es mir oft recht lieb, wenn ich nicht weiß, was sich in den Küchen und im Service guter Lokale tut. Umso besser schmeckt es mir allerdings, wenn ich das Gefühl habe, hier arbeitet ein zufriedenes, geachtetes und fair behandeltes Team......
ChristophWagner, 12.05.05 @ 10:49
Liebe Katiza
Bitte bleiben Sie Ihrer Meinung ebenso treu wie unserer Community, deren Gestade vom eisigen Wind des Neoliberalismus offensichtlich bereits dermaßen umweht werden, dass es, frei nach Bert Brecht, einer Heiligen Katiza der Gasthöfe dringend bedarf, die auch ihre Stimme unbedingt weiter erheben sollte.
Apropos Stimme: Meine beiden Töchter finden, es sei für den Fortgang der Community unerheblich, welche Schule sie besucht haben.
tastatour, 12.05.05 @ 10:28
rosalila valium
ohne "schon immer alles gewusst zu haben", überrascht mich das alles nicht. wahrscheinlich wird an herrn M. ein exempel statuiert? denn ich kenne weniger namhafte betriebe, in denen die jungen hupfer um 10:00 uhr vormittags reingehen und nach mitternacht wieder raus.
es ist wohl auch gewissermassen die aufgabe einer diesbezüglichen gesetzgebung, von welcher branche auch immer für "naiv" gehalten zu werden. es ist "system"-immanent.
und ausserdem würde mich interessieren, auf welchem gymnasium die fräulein bürgermeisters waren.
katiza, 12.05.05 @ 10:05
Geschätzte Gemeinde
Da steh ich wohl allein auf weiter Flur – trotzdem ein paar Ergänzungen: Liebe Pastinake, in Österreich kann seit 2000 meines Wissens nach jeder Magister – egal welcher Studienrichtung – ein Lokal aufmachen – ohne Konzessionsprüfung oder den Hauch einer Ahnung vom Geschäft. Sicher, wenn er zusperrt ist der Konkurs sein Problem und das von Lieferanten und Beschäftigten. Das halte ich für gar nicht überreguliert.
Verehrter Bürgermeister, eine Frage des Systems ist es auch, wenn bestehende Gesetze gebrochen werden – Gesetze, die meiner Ansicht nach nicht überregulierend sind und gebrochen werden sie wohl sehr oft deshalb, weil ein Lehrling halt weniger kostete als ein Angestellter – mich kostet das Mörwald- Menue übrigens gleich viel, egal wer in der Küche steht
Geschätzter Herr Stach, es gibt auch Länder, wo die Menschen in Sweat-Shops noch mehr arbeiten – es gibt aber in all diesen Ländern ArbeitnehmerInnen, die sich aufregen. Zum Thema Abhärtung: die dürfte kaum wirken, denn 4 von 5 Tourismusbeschäftigten wechseln die Branche innerhalb von zehn Jahren, Schade um die FacharbeiterInnen. Lehrstellen im Hotel- und Gastgewerbe gibt es übrigens zu Hauf, weil diese Branche bei den Jugendlichen nicht sehr beliebt ist – Grund: schwierige Arbeitszeiten, wenig Lohn und oft unangenehmes Betriebsklima
Auch wenn ich – offensichtlich – ein bissl eine andere Auffassung als viele Speisinger habe, darf ich hoffentlich Gemeindemitglied bleiben
..
Ihre rosa
Paul, 12.05.05 @ 02:20
Jugendarbeit
Es wird in Oesterreich sicherlich niemand zur Arbeit gezwungen, auch keine Jugendlichen - und wenn ein Jugendlicher den Beruf eines Koches/Kellners gewaehlt hat, dann weiss er/sie, was ihm nach der Ausbildung an Anforderungen zukommt. Besser als Junger abgehaertet zu werden als spaeter den Beruf nur ungern auszuueben. Es gibt auch noch Laender auf der Welt, wo es eine gesetzliche 48-Stunden Woche gibt - 6 Tage x 8 Stunden und da regt sich kein Arbeitnehmer auf. Die Gesetze in Oesterreich sind gegen das Gastgewerbe gerichtet und es gibt Gott sei Dank noch Idealisten, die Lehrstellen an Jugendliche ausgeben. Die AK sollte dankbar dafuer und nicht laestig sein.
MfG,
Paul Stach
jamiesolive, 12.05.05 @ 01:49
Minimalistischer Viognier
Ja, der 2002er V vom Grafen Hardegg, der hat es schon in sich. Ein aristokratisches Tröpferl vom Feinsten. Wer will da noch ein linker Speisinger sein — oder gar Tony Blair wählen? Keep blue, red Indians and Little Red Ridinghoods!
Minimalist, 11.05.05 @ 22:49
Leistungsreserve
Auch in "modern Times":
Allen Menschen steht eine Leistungsreserve zu!!!!! Deshalb war es in Zeiten der "Industriellen Revolution" (Mechanisierung, Taylorismus, Taktung, brutale Fremdbetimmtheit,..) NOTWENDIG dieses Recht all jenen zu verschaffen, die es sich nicht selbst verschaffen konnten. Ohne Zeit und Chance, auf individuelle Bedürfnisse einzugehen, musste die Wirtschaft und Arbeit reguliert werden.
Aber wir leben nicht mehr in der Zeit der individuellen Revolution? Die "Hygienefaktoren" Arbeitszeiten und Lohn sollten zunehmends den Motivationsfaktoren, wie echter Selbstbestimmtheit weichen. Nicht nur in der Gastronomie.
Das wäre eine zeitgemässe linke Politik. Wir Deutschsprachigen tun uns halt mit (links)liberalen Ideologien schwer. Schliesslich hat uns schon immer wer gesagt, was wir tun dürfen und müssen. Vor allem im KuK-Land.
Deshalb: (linke) Speisinger: kämpft für die Deregulierung! Wählt.....???? Tony Blair?
(Puh, soviel Ideologie nach 3 Gläsern Viognee, "V" 2002, Hardegg strengt an, ich benötige eine verordnete Leistungsreserve. Nach 24h gesetzlicher Ruhephase melde ich mich wieder.)
ChristophWagner, 11.05.05 @ 17:18
Noch eine Lanze (diesmal für GymnasiastInnen)
Wer interessiert sich im Zusammenhang mit Jugendarbeit eigentlich für die studierende Jugend? Ich erinnere mich, dass meine beiden Töchter, als sie noch am Gymnasium waren, in der Oberstufe mit Sicherheit auf einen durchschnittlichen Zehnstundentag und in der Maturaklasse auf einen Zwölfstundentag kamen, die Wochenenden, an denen sie auch gebüffelt haben, noch nicht einmal mit eingerechnet. Und wenn ich als „Arbeitsinspektorat Papa" mit der Begründung einschritt, ich hätte auch maturiert, aber mit wesentlich weniger Aufwand, bekam ich zur Antwort: „Das waren auch noch andere Zeiten, und damals war es auch noch wurscht, was in deinem Zeugnis stand."
Womit die beiden leider auch irgendwie Recht hatten. Die Zeiten für junge Leute sind in der Tat härter und die Zukunftsperspektiven düsterer geworden. Aber man hilft ihnen, denke ich nicht, indem man sie bis zur Volljährigkeit unter einen Glassturz stellt und sie dann umso brutaler einer ebenfalls immer brutaler werdenden Arbeitswirklichkeit aussetzt.
Wenn man die Leiden der jungen Lehrlinge lindern will, muss man daher eher bei der Frage des Systems als bei jener seiner Auswirkungen ansetzen und sich fragen, wie wir wieder die Macht über die Umstände erringen können, bevor die Macht der Umstände uns seelisch wie auch materiell unterwirft.
Was uns, verehrte Katiza, tatsächlich wieder zu Rosa Luxemburg zurückführt.
pastinake, 11.05.05 @ 17:02
Liebe Katiza!
Nichts gegen die Rosa Luxemburg in Ihnen - eine auch von mir sehr geschätze Frau!
Warum gibt es bei uns so wenig junge Leute, die sich für die Gastronomie interessieren? Weltweite Beispiele für junge Restaurants und Bars mit ungelernten, aber engagierten und talentierten Menschen zeigen, dass es auch anders geht. In London kann man derzeit in jedem Stadteil sehen, wie alte Pubs mit einfachsten Mitteln zu interessanten Lokalen gemacht werden. In Österreich? Lächerliche Gewerbebedingungen machen den Zugang schwer, sind aber keine treffsichere Zutrittshürde. Eine unseriöse Allianz von Wirten und Gewerkschaft zementiert seit Jahrzehnten Sozialschwindel (saisonale Arbeitslosenmeldung) und damit zwangsläufig niedriges soziales Ansehen des Berufes.
Diesen Zustand kann nur eine radikale Liberalisierung ändern. Bei den Besten werden sich dann Praktikanten und Lernwillige anstellen, so wie es schon jetzt international üblich ist.
pastinake, 11.05.05 @ 16:26
Regulierungswahn oder Jugendschutz ?
Ich möchte meinen Kommentar nicht auf den konkreten Fall beziehen (Toni Mörwalds Billa-Preishammer-Kampagne liegt mir doch sehr im Magen), gebe CW jedoch hundertprozentig recht. Ich halte es prinzipiell für kontraproduktiv, wenn die Regulierungslust der Gewerkschaft eine berufsnahe Ausbildung verhindert. Wenn jemand den harten Beruf eines Koches oder eines Kellners ausüben will, muss er/sie mit anderen Arbeitszeiten und Belastungsspitzen rechnen als z. B. ein Uhrmacherlehrling. Nur so ist ein realistisches Berufsbild möglich. Meine Erfahrung ist, dass engagierte Lehrlinge in ihrer jugendlichen Frische viel belastbarer sind als viele unserer Spitzengastronomen, die - oft um die Fünfzig - ganz schön schnaufen, wenn der Arbeitstag um Mitternacht endet. Es schützt auch niemand die 40 jährige Kellnerin mit Bandscheibenschaden wenn der junge und fitte Kellnerlehrling in der hektischten Phase des Service nach Hause geschickt werden muss. Das ist falsch verstandener Jugendschutz - so kann man auch keine Teamarbeit und Solidarität lernen. Ich denke, dass die Berufsschule gut geeignet wäre, um zu überprüfen, ob ein Lehrling richtig ausgebildet und eingesetzt wird. Wenn ein Gastronom jemanden ausbeuten will, dann macht es das zu jeder Tageszeit und gehört dafür selbstverständlich gestraft. Aber wie CW richtig bemerkte, dann sind billige und rechtlose Schwarzarbeiter eher die Opfer als Lehrlinge.
katiza, 11.05.05 @ 16:22
Sorry für die vielen Tippfehler
Wurde von der Rosa Luxemburg in mir übermannt....oder sollte ich überfraut sagen in diesem Kontext
katiza, 11.05.05 @ 16:19
Verehrter Bürgermeister,
da muss ich wohl eine Lanze für die Lehrlinge brechen - ich finde so ungern ich Ihnene in kulinarischen Angelegnheiten widerspreche. Diverse Anzeigen durch das Arbeitsinspektorat, und 30 arbeitsrechtliche Vertretungen sind nicht unbedingt das, was ich unter einer Kampagne verstehe. Ich finde nicht - wie Herr Mörwald im Kurier - dass Lehrlinge in der Gastronomie 12 bis 15 Stunden arbeiten sollten - auch wenn sie nachher in die Disko gehen, wie ihre anderen Altersgenossen aus. Ich glaube auch nicht, dass Lehrlinge unter 16 Jahren unbedingt nach 23 Uhr müssten sollten, weil sie da Sachen lernen würden, die sie in ihrem Beruf unbedingt brauchen. Ich finde es schade, dass sich immer weniger junge Menschen für die Tourismusberufe entscheiden und ich glaube, dass das unter anderem auch mit solchen Arbeitsbedingungen und einem extrem niedrigen Einkommen zusammen hängt! Ganz ehrlich: würden Sie einer 15jährigen Tochter, einem 15jährigen Sohn zu einer Kochlehre raten? Ich glaube Tourismusmitarbeiter sind felxibel genug - auch für Herrn Mörwald.
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