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Christoph Wagner's Weblog

28.11.05 @ 11:41

Vom Wesen des Genusses

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Die Wahrheit über die unendliche Vielfalt der Welt erfährt man am besten durch die Beobachtung jener Vorgänge, die einander ständig zu gleichen scheinen. So ist auch nicht jener, und sei er noch so erfahren, der beste Gourmet, der überall auf der Welt schon alles gegessen hat, sondern jener, dem es beispielsweise gelungen ist, das Wesen des Genusses am Beispiel einiger weniger Gerichte (ich denke an Forelle Blau, Wiener Schnitzel, Eierspeis, Butterschnitzel, Erdäpfelsalat, Tomatensauce etc.) vollständig zu erfassen und die Geheimnisse, die sich hinter diesem Genuss verbergen, zu enträtseln. (Ein Ziel, von dem ich notabene noch immer weit entfernt bin).

Worum geht es dabei? - Es gilt die Grundvorgänge des Garens und Zubereitens, man könnte auch sagen, die Metamorphosen des Stofflich-Schmeckbaren, nicht nur technisch-physiologisch, sondern auf ihre Wahrhaftigkeit und damit die ihnen zugrunde liegende Funktion im Kreislauf der Dinge zu durchschauen und dabei - wie immer, wenn man mit Lebendigem zu tun hat - die Seinsfrage zu stellen.

25 Kommentare | Kommentar abgeben

Russell, 29.11.05 @ 13:01

Reduktion
Wenn ich über dieses Thema nachdenke, dann werde ich daran erinnert, dass ich mir bei einem Gericht immer gedacht habe: mehr brauche ich nicht. Das Gericht ist Erdäpfel mit Butter. Es hieß manchmal: heute gibt es nur Erdäpfel mit Butter. Ich war so begeistert wie von einem exquisiten Gourmetgericht.
Ein ähnliches Gefühl hatte ich bei einem Butterbrot mit Schnittlauch. Und habe ich nicht einmal von jemandem gelesen, der zu Bocuse nur wegen seines Erdäpfelpürees fuhr und sich extra im Hotel einbuchte, um es über Zimmerservice bestellen zu können. Im Restaurant hätte man nie einen Platz bekommen ...

profiler, 29.11.05 @ 12:15

auf der suche nach .....
es ist die suche nach der idealform der dinge, von der der bürgermeister spricht. die idealform von geschmack, konsistenz, textur und präsentation bzw. optischer erscheinung.

in jedem von uns hat sich, was bestimmte gerichte betrifft, ein idealbild geformt und entwickelt, auf deren suche wir uns, kulinarisch gesehen, befinden.

mit ziemlicher sicherheit umfasst diese art der suche aber nicht nur das essen und trinken, sondern ist noch wesentlich vielschichtiger und differenzierter angelegt. ich denke, dass wir unbewusst auch auf der suche nach, von mir sogenannten, ideallandschaften, idealmusikstücken, idealbüchern und letztlich auch idealmenschen sind. und genau das ist der eigentliche antrieb, der hunger (nicht der körperliche, sondern der geistige) die neugierde, die das leben spannend macht. mir ist schon klar, dass dies eine sehr subjektive ansicht und interpretation ist, aber ich hoffe trotzdem niemals satt zu werden und anderen wünsche ich das auch.

gruss

bibliothek99, 29.11.05 @ 12:01

Faszinierend!!
Piccolo, es muss an der Novemberstimmung liegen, so einen sanften doch zugleich ausdruckstarken Kommentar bin ich von ihnen nicht gewohnt. Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Spass beiseite. Natürlich ist Nahrungsaufnahme in Verbindung mit Genuss und Lust und... und ...und...ein komplexes Wesen, dass aber unheimlich subjektiv zu betrachten ist. Ausgehend von der Auswahl und Qualität der Grundprodukte über die passende Zusammenstellung bis hin zur Verarbeitung zum Endprodukt. Auf der anderen Seite das Umfeld, dass einen immensen Einfluss auf die Genussfähigkeit ausübt. Wenn wir den ganzen Hokuspokus und das Brimborium welches uns in den diversen „Tempeln den Genusses” vorgeführt wird, beiseite lassen, bleibt oft nur wenig für das Wohlbefinden übrig. Und das finde ich traurig. Um so wichtiger sind dann die persönliche Einstellung und der Mut zur Qualität, zum Eigengeschmack der Produkte etc. . Der Genuss verlangt nicht immer nach exotischen, euroasiatischen und sonstigen Crossoverspeisen (können genauso gut sein), er kann sich schon bei einem Butterbrot oder einer Eierspeise einstellen, wenn nur die Ausgangsprodukte stimmen.
Ein Danke dem Bürgermeister für den Gedankenanstoß

jamiesolive, 29.11.05 @ 00:31

unfassbar!
kann ich fast alles unterstreichen. was ist los mit ihnen, piccolo apicius, krank?

PICCOLO, 28.11.05 @ 23:07

Ich erlaube mir einen Eintrag (kürzer ging´s nicht)
Die Geheimnisse des Genießens liegen wesentlich tiefer als nur bei Garung und Zubereitung. Der beschränkte Glaube um die Magie von Warenkunde, intellektueller Gerissenheit, selbstdenkender Kochtöpfe und hingeschmissener Rezeptformeln unterscheidet die gegenwärtigen „Oberflächenköche” und ihr "Überall Darüberschleck – Gefolge” von echten Genussreisenden in die Weltenräume der verzehrbaren Natur

Die gastrosophische Seite der Elementenlehre wurde bereits von antiken Ärzten/Köchen weit feinsinniger gesehen: Verdauen, Reifen und Fäulnis sind eine Art Chemie des Lebens, die Elemente in lebensförderliche Stoffe verwandeln. Befriedigend ist, wenn das wässrige in uns seinen Durst nach wässrigen, das Feste nach Festem stillen kann und die übrigen wichtigen Stoffe richtig in den Körper absorbiert werden. Luftiges – Steiniges (Mineralstoffe) usw. Der Magen wird als Alchemist in uns gesehen, der seine Entsprechung im Alchemisten der großen Welt (Gott - Götter) hat. Der Stoffwechsel im Essen, das Scheiden und Verdauen und das Abfüllen der Stoffe im Körper bekommt einen heiligen Anspruch. Dieses Verwandlungsprinzip optimal zu erkennen und zu lernen verhilft zu optimierter Genussfähigkeit.

Der Genuss steigt, wenn dem Genießer bewusst gemacht wird, dass es dafür nicht nur der „stofflichen” Nahrung bedarf. Was in der Antike als „Nahrung von den Sternen”, als eine Art geistige Nahrung angesehen wurde, kann man heute als „Genußgewinn” durch sehr gute Bildung und Wohlstand erklären.

Es zeigt sich nämlich gerade am Essen und im Genuss, in wunderbarer Weise was es bedeutet mit dem „Durchzug” der Elemente zu leben. Essen ist nicht Füllung, sondern eine Formerstattung des Körpers. Als kleine Welt, nährt sich jeder an der großen Welt, muss aber die persönlich relevanten Stoffe schließlich auch die wiederum persönlich „speziell wichtigen Stoffe” selber auszusuchen lernen. Was nie gelingt, denn wie die äußere Welt ist auch die innere in stetigem Wandel. Ein genießerisches Bewusstsein will verweilen, verweilen, selbst im Genuss ist gegen die Natur des „Flusses”.

Alles was unsere Nahrung sein kann ist dasselbe das wir auch sind. Der Mensch wird gezwungen, selbst sein Gift und seine Krankheiten und schließlich seinen Tod in sich zu nehmen, - zu essen und zu trinken.

Die richtig verstandene Kochkunst kann versuchen diese brutale Antinomie die im „Essen” herrscht geschickt zu lindern. Das ist Zivilisation und Kultur. Kultur ist Gastrosophie.

Hier, und nur hier sollte man den Beginn dieser Fragestellung stellen.
Diesen „Auszug” aus meinen eigenen Überlegungen möchte ich Herrn Bürgermeister und seinem Gefolge widmen. Es soll zu schönen Stellungnahmen anregen auf die ich sehr neugierig bin.

Mit besinnlich - adventlichen Grüßen!

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