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Die Wucht des Pittoresken: Im Elsass

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Die Anreise per Flugzeug über Stuttgart ist nur bedingt weise - die Autobahn nach Strasbourg ist chronisch zugestaut. Das führt zu einer essensbedingten Abfahrt ins Niemansland vor Karlsruhe, genannt Stupferich. Dort gibt es ein schönes, uraltes Gasthaus mit anständiger, deutscher Bodenständigkeitsküche. Den ersten Abend im Elsass hatten wir uns zwar im Elsass und in Strasbourg vorgestellt - aber das Gasthaus-Hotel zum goldenen Lamm in Stupferich war durchaus in Ordnung.

Ankunft Strasbourg kurz vor Mitternacht, im empfehlenswerten Hotel Du Dragon. Dieses befindet sich gegenüber der Altstadt, keine 3 Gehminuten vom Zentrum entfernt. Kunst an den Wänden, nette Zimmer, tadellose Bäder. Good choice, wie der Franzose sagt, - bon marche, wie der Deutsche ergänzt.

Strasbourg
Strasbourg ist schlicht wunderschön. Romantisch, streng, verspielt, historisch und heutig. Es geht in Strasbourg um's Essen und Trinken - Lokale, Tschocherln, Weinstuben und feine Brasserien, wohin einen die Gallusreifen auch führen. Die Oberhand haben, so scheint es, die Bierlokale. Ein paar Stunden Bummeln, dann ab in die Brasserie der Wahl, L'Alsace à Table: Schönes, sehr gepflegtes (Fisch-) Restaurant mit hellem Wintergarten, alles gediegen und doch leicht und gut gelüftet. Ein Empfehlung für leichte Mittagsessen und opulente Abendessen - sehr französisch.

Kulinarik im Elsass – die Finesse der Franzosen, die Portionen der Deutschen
Bier scheint mir im Elsass überhaupt eine größere Rolle als Wein zu spielen. Ebenso essenstechnisch: Die Nationalspeise ist ein Bauernschmaus auf Sauerkraut, Choucroute genannt. Quiche Lorraine ist eine Vorspeise! Ebenso dicke Scheiben einer Paté en croute, einer Teigpastete. Gerne auch Presskopf oder Zwiebeltorte. Danach Spanferkelteile mit Sauerkraut, Fleischschnecken (Fleischschnacka) oder fünferlei Fleisch in der Suppe mit Erdäpfeln gegart (Baeckeoffa). Alles eher derb, alles ideal für diverse Biere en masse. Dass aus dem Elsass ein berühmter Riesling kommt, muss man sich anlesen. Weiters sind sie stolz auf ihre Gugelhupfs (Kougelhopf) und Brezeln.

Baeckeoffa: Eigentlich Fleischreste vom Sonntag, mittlerweile werden in einem Bräter Rind-, Schweine- und Lammfleisch mit Erdäpfeln aufgeschichtet, mit Suppe umgossen. Der Bräter wird mit Brotteig versiegelt und ins Rohr für mindestens drei Stunden geschoben. Der Name rührt daher, dass dieser Pot früher in eine Bäckerei gebracht wurde, um dort im Backofen zu backen.
Fleischschnacka: Faschiertes (ich wollte gerade Verschiertes schreiben, uups) wird mit Nudelteig zu einer Roulade gerollt, davon werden zentimeterdicke Scheiben abgeschnitten, angebraten und in ein wenig Suppe weitergedünstet. Nicht uninteressant ...
Schiffala: Geräucherte und gepökelte Schweinsschulter, wie das fränkische Schäufele.
Foie gras: Gibt es nahezu überall, meistens von der Ente, seltener von der Gans.
Iles flottantes: Eischnee-Inselchen, schwimmend auf Vanillesauce.


Raus aus Strasbourg, rauf auf die A35 nach Obernai, einem pittoresken Städtchen rund 25 km südwestlich von Strasbourg. Von hier kommt das Kronenbourg-Bier, das deutlich weniger verkitscht schmeckt, als sich Obernai gibt. Hart an der Unerträglichkeit gebirt sich die eigentlich entzückende Altstadt als ein Disneyland des Kitschs. Häuschen, Fassaden und Gassen wären ja wirklich liebreizend, aber die mit so viel Kitsch und Ramsch vollgeräumt, bleibt einem eigentlich nur die Flucht.

Rauf auf die Route des Vins d'Alsace:
Die Weinstraße schlängelt sich den Ausläufern der Vogesen entlang, vor vielen Einfahrten wird zur Weinkost gebeten, alles wirkt sehr unkompliziert und zugänglich. Die Preise bewegen sich im 4-9 Eurobreich, nur die Lagenreserven kosten ein wenig mehr. Nicht unähnlich unserem Weinviertel.
In Heiligenstein bewahrheitet sich das Dictum, dass der Wein so schmeckt, wie es im Keller oder Verkostraum aussieht, ordnungs- und hygienemäßig. Katzenkloduft, muffige Gläser, schmierige Schürzen ... auch die höfliche Flucht ist eine Möglichkeit (Clos-Meckert).

Nicht so in Mittelbergheim: Eigentlich wollten wir, frei nach Captain Cork, zu Lukas & André Rieffel, doch die hatten geschlossen - nicht so deren Nachbar Wittmann Andre et Fils. Sehr netter Verkostraum, engagierter Winzer, eine breite Weinpalette und jeder Wein es Wert, mit nach Wien genommen zu werden (ok, der Weißburgunder eventuell nicht). Top und wohlfeil.

Ein wenig oberhalb, bei der Ortseinfahrt, lädt ebenso ein Schild zur Weinkost, ein kecker Gockelhahn stakst durch den hübsch bepflanzten Innenhof und führt den Gast quasi ins Expedit, wo die Weine von Hirtz Jean et Fils auf interessierte Schlucker und Spucker warten. Madame Hirtz, tres gentille, erklärt uns das Elsass, dessen Weine und schließt mit der Bemerkung ab, dass je südlicher wir uns in Richtung Colmar bewegen, desto kitschiger und touristischer es werden würde. Wie wahr. Jeder Wein ein Gedicht, preislich wieder einstellig.

Landschaftlich ist das Elsass unserer Südbahn nicht unähnlich, fallen doch die Weinhänge sehr sanft von den Hügeln in die brettelebene Rheinebene ab, hin und wieder baut sich eine Steillage auf, aber die Menge machen endlos weite Weingärten in Westlage. Kleine Täler schneiden sich von den Vogesen hin zur Ebene, und in diesen Tälern liegen die allesamt entzückenden Fachwerk-Örtchen mit ihren Weinbaubetrieben. Dieffenthal, Orschwiller, das entzückend unverkitschte Bergheim und letztendlich Ribeauvillé, ein größerer Ort (5.000 Einwohner), geeignet für Wine and Dine ...

Mit Häusern aus dem 16. und 17. Jahrhundert, ist auch Ribeauvillé ein lebendiges Freiluftmuseum, beachtlich, wie sehr man aus bewunderswert schöner Substanz durch Tand, Kitsch und anderen Schas auf Fensterbrettern und in Auslagen eine Kathedrale des schlechten Geschmacks schaffen kann. Trotzdem, so dicht und eng wie im Elsass ist das Mittelalter wohl nur noch in Marrakesch zu besichtigen, wenn auch anders.
Eine Hauptstraße, ein paar Restaurants, ein paar Beherbergungsbetriebe ... viel tut sich hier nicht. Die empfohlene Winstub Zum Pfifferhus knackvoll, wir schlendern zum Ortsausgang zum Restaurant Cheval Blanc, dessen Karte uns einlädt. Im Zuhälter-Schick essen ist auch ok, die Speisen waren die Bank durch liebevoll zubereitet.
Nächtigung im tadellosen Hotel de la Tour, alles neuwertig, und das in wirklich alter Substanz. Dort würde ich wieder nächtigen.

In Spaziergangnähe befindet sich Hunawihr, der Weg führt durch endlos weite Weingärten, vorbei an Lavendelhecken, Steinmauern und duftenden Wildpflanzen. Hunawihr ist für seinen Liebreiz bekannt, zählt es zur Liste der schönsten Dörfer Frankreichs (http://www.gordes-village.com/villages.html). Zu den besuchenswertesten Nestern gehört es aber auch wegen der Winstub Suzel, ein liebenswert kleines Lokal mit ausgezeichneter Küche. Ein Must in dieser Gegend. Hier gibt es keinen Tand, hier sind die Fenster nicht bunt geschmückt. Hier wird einfach gelebt und Weinbau betrieben. Wie erholsam.

Wirklich arg schön bis unerträglich ist dann Riquewihr: Das könnte der schönste Ort des Elsass sein, aber auch eine Fantasie eines US-amerikanischen Kaufhausdesigners ... surreal pittoresk, unglaubliche Fassaden, sensationell windschiefe Häuschen mit Storchennestern drauf ... aber würdelos zugekitscht von elenden Shops und vagemutig gekleideten Touristen aus allen Ländern des Planeten. Flucht, leider. Echt schade drum.

Mein Highlight unter den kleinen Weinorten im Elsass ist definitiv Kaysersberg. Wiewohl gut von Touristen frequentiert, behauptet es sein Wesen als lebendiger Ort für die Einheimischen, zu erkennen zB. daran, dass es eine Wäscherei auf der Touristenmeile gibt. Oh la la! Kayserberg könnte Vorlage für Asterix und der große Graben gewesen sein, ein Flüsschen trennt den Ort, vereint ihn wieder und bestimmt das Ortsbild mitsamt seinen wunderschönen, gepflegten alten Häusern und deren Fassaden. Frei von Kitsch, sehr entspannt und umgeben, ja geradezu eingetaucht in Weinberge.

Colmar steht als nächster Ort am Programm. Colmar ist fürwahr entzückend. Groß genug, um als Stadt zu gelten, aber mit einer sehr „nestigen“ Atmosphäre. Fachwerkhäuser, Weiden am Fluss, Gastgärten galore und viele Fussgängerzonen rund um Dom und Kirche. Colmar ist ein Traum, Punkt. Genächtigt im Ibis Styles (in Ordnung), gegessen in einer wilden Winstub Ville de Paris und in der Winstub Restaurant Au Kuifhus. Echte Wirtshausküche, frei von Schnickschnack und Mascherl. Fleisch. Ob es weise ist, vor einem Dinner in der Auberge de l’Ill einen Fleischberg zu Mittag zu verdrücken, sei dahingestellt. Aber wenn der Hunger quält …

Next stop: Hotel la Clairière, zwischen Guemar und Illhaeusern gelegen, unten in der Tiefebene. Ein schönes, altes Haus mit hohem Giebeldach, umgeben von Natur, hohen Bäumen und mit freiem Blick auf die endlosen Weinhänge vor den Vogesen. Ein guter Ort, ein stiller Ort. Die Zimmer sind in Ordnung. Abendessen dann in der Herberge des Ill … in Gehnähe.

Fazit
Elsass sehen und sterben? Na sicher nicht. Aber staunen über die Wucht des Pittoresken, über die Tiefe der Weine und die Schwere der Speisen. Meine Empfehlung: Mit Colmar beginnen, zwei Nächte reichen, dann langsam über Kaysersberg und Ribeauvillé durch die diversen Weinörtchen auf der Weinstraße nach Strasbourg fahren, dort wieder zwei Nächte. Im Anschluss Fastenkur.

Gregor Fauma

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nicht bewertet

empfohlen am 06.05.14 @ 15:44

Stationen

1) Gasthaus-Hotel Zum Goldenen Lamm (D - Stupferich): Familiäre Atmosphäre, gutbürgerliche Küche, gute Weine ... nix zum Jammern.... [mehr]

2) Hotel Du Dragon (F - Strasbourg): Nettes *** Hotel am Eingang zur Altstadt, ruhige Lage, schöne Zimmer - sehr... [mehr]

3) Alsace à Table (F - Strasbourg): Dieses Lokal ist für seine Fischgerichte bekannt, im Zentrum des vorderen... [mehr]

4) Vins d'Alsace Hirtz Jean et Fils (F - Mittelbergheim): Die liebenswerte Frau Hirtz ist eine gute Repräsentantin ihrer Weine. Ehrlich,... [mehr]

5) Domaine Wittmann Andre et Fils (F - Mittelbergheim): Im professionellen Verkostraum merkt man Andre Wittmann die Freude an seinen... [mehr]

6) Hotel de la Tour (F - Ribeauvillé): Modernes Hotel im Zentrum in uralter Substanz, Zimmer geräumig, modern -... [mehr]

7) Hotel Restaurant Au Cheval Blanc (F - Ribeauvillé): Fast am Ortsende gelegen, lockt das Cheval Blanc mit seinen Tagesgerichten, die... [mehr]

8) Winstub Suzel (F - Hunawihr): Hunawihr liegt ja sowas von entzückend, ist befreit von touristischer... [mehr]

9) Ville de Paris Winstub Brasserie (F - Colmar): Urige Brasserie-Winstub, ehrliche Küche, gute Atmosphäre: Quiche Lorraine (9)... [mehr]

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