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Wein und Design: Von Donnerskirchen nach Jois
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Schon zu Zeiten, als Wörter wie Spitzengastronomie oder Haubenküche noch längst nicht erfunden waren, sind die Wiener hinaus zum „Engel“ nach Donnerskirchen gepilgert, weil es dort eine gute Hausmannskost und (dank der Kalkklippen des Leithagebirges) den reschesten Weißwein des Burgenlands gab.
Anfang der 90er Jahre wurde Ernst Engel dann freilich stadtfein (oder besser:landfein) und legte seinem zwischenzeitlichen Küchenchef und späteren TV-Koch Alois Mattersberger in dem 1526 erbauten Renaissancejuwel Leisserhof eine Location zu Füßen, in der dieser es locker auf drei oder vier Hauben hätte bringen könne — wäre er nur geblieben.
Mittlerweile hat Ernst Engel ein maßvolles und grundvernünftiges Downshifting betrieben. Als alter Branchenfuchs greift er nicht mehr nach den Trauben, die zu hoch hängen und begnügt sich mit dem, was jederzeit leicht greifbar ist — und das ist doch einiges. Ob im Restaurant Vinarium oder in der Weinkapelle, in der Vinothek im „Weindom“, im Gutskeller oder in der Lutherweingruft — überall wird dem Bacchus gehuldigt, und Ceres, die Göttin der Landwirtschaft, hat deswegen auch nicht Pause, und die Jagdgöttin Artemis schon gar nicht.
Auf der Straße weiter in Richtung Donnerskirchen kommt man an der bemerkenswerten Rosalienkapelle von 1713 vorbei. Unbedingt einplanen sollte man jedoch auch eine Besichtigung der Ortschaft selbst, die in luftiger Höh´ am Schönleitenberg über fünf keltischen Hügelgräbern errichtet wurde. Von der barocken Pfarrkirche zum hl. Martin, einer alten Wehrkirche, genießt man einen hübschen Panoramablick auf die umliegenden Weinberge bis hin zum Neusiedler See.
Einen etwa halbstündigen Fußmarsch purbachauswärts liegt, an den Ausläufern des Leithagebirges inmitten von Weingärten gelegene „Kloster am Spitz", eines der ganz wenigen Restaurants am Neusiedler See, von dessen Terrasse aus einem der ganze Steppensee zu Füßen liegt. Das alleine lohnte schon den Besuch dieser aufgelassenen, wunderschön renovierten klösterlichen Einsiedelei am Waldrand.
Zentrale Figur des Betriebs ist Vater Schwarz, der, unterstützt von seiner Familie, vom Köcheln bis zum Rebeln für alles zuständig ist. Gekocht wird ausgezeichnet, aber leider nur am Wochenende. Vater Schwarzs Halaszlé (hier „Fischsuppe vom Spitz“ genannt) steht nicht zu Unrecht im Ruf, die beste zwischen Eisenstadt und Békeszaba zu sein. Feinsinnig komponiert sind auch sein Duett von der Gänseleber (roh mariniert im Kürbiskernmantel und als Terrrine mit Traminergélée) sowie das aromagedämpfte Welsfilet aus dem Neusiedler See auf Szegedinerkraut und — last not least — die gebackenen Apfelknödel auf Vanillesauce.
Doch da sich Schwarz in erster Linie als Winzer und erst in zweiter Linie als Koch versteht, widmet er den Löwenanteil seiner beachtlichen Energien Weinen wie dem ausdrucksvollen „Chardonnay Muschelkalk" sowie dem geschmeidigen Syrah, vor allem die mit unglaublicher Subtilität zusammengestellten Cuvées wie Antonius oder Nepomuk, die auch im Glase verraten, dass ihr Schöpfer in Wahrheit ein Meister des Abschmeckens ist... auch ein gelernter Küchenchef und ein Meister im Abschmecken ist.
Reinhold Schwarz bietet übrigens unter dem Titel „Purbacher Weinerlebnis“ auch von ihm selbst geführte Weingenussreisen inklusive Weingartenwanderung, Stadtbesichtigung und Verkostung an.
Purbach erinnert mit seinen zahlreichen alten Häusern noch an mittelalterliches Leben, vor allem aber auch an die Zeit der Türkenbelagerung. Daran erinnert neben dem Türkentor, an dem heute noch die Vorrichtungen für die Zugbrücke und die kleine Eingangstür erhalten sind, die zur 1630 - 1634 errichteten Befestigungsanlage gehören. Das eigentliche Wahrzeichen der Stadt ist jedoch der „Purbacher Türke“, der in der Schulgasse 9 am Dach des Hauses, in dem sich auch das Heurigenrestaurant Türkenkeller befindet, am Schornstein sitzt und rund um sich blickt.
Der Überlieferung nach schlief ein Türke nämlich im Jahr 1532 seinen Rausch aus. Als er jedoch merkte, dass seine Truppe Purbach längst wieder verlassen hatte, bekam er es mit der Angst zu tu tun und flüchtete aus Angst vor der Rache der Purbacher für die Plünderung der Stadt in einen Rauchfang, wo er jedoch entdeckt wurde. Er nahm den christlichen Glauben an und wurde dem Besitzer des Hauses als Knecht übergeben. Nach seinem Tod errichtete der Bauer die steinerne Büste auf dem Schornstein.
Fast aus derselben Epoche stammt die Niklauszeche, ein Renaissance-Juwel in der Bodenzeile 7. Das protestantische Bethaus aus dem Jahr 1551 war lange Zeit ein Nobelrestaurant und wurde nach dessen Schließung mit viel Liebe in die Herberge an der Nikolauszeche (7083 Purbach am See; Tel: 0676.7776233) umgebaut, deren 5 Komfortsuiten zu den schönsten Quartieren am Neusiedlersee zählen.
Selbst unter jenen, die ihm wohlgesinnt sind, gilt der Joiser Winzer Leo Hillinger als „wilder Hund“ — ein Ruf, dem er nicht nur in unkonventionellen Auftritten und ebensolchen Weinen , sondern auch in der höchst individualistischen Art gerecht wird, in der er sein neues Weingut eingerichtet hat. Die „Hill-Lounge“ könnte auch in Napa-Valley stehen und bietet Weinfreunden die Möglichkeit, dem Winzer beim Weinmachen genau auf die Finger zu schauen. Multimediasteuerung heißt das Zauberwort, mit dem Weinakademikerin Daniela Mayer Interessenten (ab 30 Personen) von Weinseminar über Verkostung bis zum Heurigenbesuch geleitet — nur der Cinemascope-Blick auf die Weinberge erfolgt, allerdings durch Panoramaglasfenster, ganz ohne Head-set, Mikros und DJ-Pult.
Hill-Lounge, 7093 Jois, Untere Hauptstraße 35; Tel: 0 21 60/83 17, Info: www.leo-hillinger.net
Nicht minder ehrgeizig ist ein anderes weinarchitektonisches Projekt ganz in der Nähe: Der von den Zisterziensern in den Jahren 1811 bis 1815 errichtete Heiligenkreuzerkeller in Winden am Neusiedlersee wurde vor einigen Jahren glanzvoll renoviert und nach einer nicht immer nur glückhaft verlaufenen Eröffnungsphase nunmehr vom Frauenkirchner Gastro-Profi Fritz Sittinger übernommen. Er hat dem bisher von Alfons Schuhbeck „ferngecoachten“ Feinschmeckerrestaurant eine Metamorphose zu „einem Heurigen und ein bisschen mehr" verordnet, worunter er u.a. Gustostückerl vom Nationalparkrind, Zander und Waller aus dem Neusiedlersee, Seewinkler Lammkoteletts oder Hirsch- und Wildschweinschinken vom Leithaberg versteht.
Der Barriquekeller beherbergt nach wie vor die besten burgenländischen Weinen von Topwinzern und Newcomern, aber auch überregionale Kostbarkeiten aus dem Privatbesitz des Hausherrn und ehemaligen Wella-Bosses Dr. Bernd Olbricht. Ins Burgenland verschlagen hat es den ehemaligen Wellaboss und leidenschaftlichen Hobbykoch über seine Lieblingsspeise Topfenhaluschka mit Kernöl-Vogerlsalat. Ein guter Grund, zweifellos.
Er hat dieses Faible übrigens auch mit dem Autor dieser Zeilen gemeinsam.
Christoph Wagner
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empfohlen am 27.07.07 @ 20:26
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