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Das Weinlog
09.06.04 @ 01:21
Weinpatriotismus, 2. Teil
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Ein nicht ganz unwesentlicher italienischer Weinjournalist meinte unlängst bei einem bilateralen Mittagessen: "Was ich nicht verstehe, ist, dass es eure österreichischen Weine in italienischen Vinotheken so gut wie gar nicht gibt, auch nicht in unseren Weinbars. Dabei sind eure Weine doch gar nicht so übel, dass ihr sie verstecken müsst. Ich meine, ich kenne eure Probleme mit dem Wetter und der Geologie, und natürlich könnt ihr nicht sowas produzieren wie wir Italiener. Aber es gibt interessante Tropfen, diese — wie hießen sie doch gleich — Grünen Veltliner zum Beispiel, oder auch dies Rieslinge. Natürlich haben sie zuviel Säure, aber warum sollten wir Italiener sie nicht auch einmal kennenlernen. Also, nur Mut, Burschen. Tut was für eure Weine bei uns. Wir sind interessierter als ihr glaubt. Zu teuer dürft ihr freilich nicht sein, denn sonst kauft´s niemand. Und noch was: Eure Roten könnt ihr selber trinken, obwohl die — ich hab ein paar gekostet — nicht einmal so schlecht sind, vor allem die Pinot Noirs. Nur: Nicht böse sein, da haben wir einfach besseres."
Wer hält soviel schulterklopfende Freundlichkeit von berühmten Kollegen schon aus? — Ich, ehrlich gesagt, nur schwer.
Ein paar Wochen später war ich dann in Slowenien und erklärte einem berühmten Terán-Winzer, der mich nach seinen Marktchancen in Österreich fragte: "Euer Terán ist zweifellos eine ziemliche Granate, nur: für Österreich ist das, glaube ich, kein Wein. Trotz der Milchsäuregärung immer noch zuviel Säure und, nicht böse sein, doch ein bisschen zu wenig elegant. Das liegt an der Rebe. Ich meine, ich mag Eure Weine, und lege mir auch gerne ein paar davon auf Lager, für den Fall, dass ich einmal einen guten Prsut bekomme. Da trinke ich Terán wirklich gern dazu. Das past zusammen wie Pech und Schwefel, ha, ha, oder nicht? Und auch eure Weißweine sind, mhm, ziemlich interessant. Freilich: In der Wachau werden sie sich schwer tun, und Steirer sind sie auch keine. Aber apropos Steirer: Da gibt es bei euch drüben, ich meine, in unserer alten Untersteiermark, ein paar wirklich talentierte Winzer, echt. Die solltet ihr noch ein bisschen mehr fördern! Glaubt mir! Sonst werden sie schnell wieder demotiviert. Und noch was: Eine Chance im Export habt ihr überhaupt nur, wenn ihr die Preise nicht zu stark überzieht. Denn, um ehrlich zu sein, da seid ihr schon ziemlich am Limit. Nicht bös sein, aber ich mein´s ja nur gut mit euch. Ich mag ja eure Weine."
Soviel zum Thema Weinpatriotismus, 2. Teil.
-chw
6 Kommentare | Kommentar abgeben
andreasbigler, 09.06.04 @ 14:32
Italienischer Journalist!
Jede Diskussion erübrigt sich, da ich mit Sicherheit mehr Italienische Weine kenne, als er Österreichische - so kommt es zumindest rüber.
Liegt es vielleicht daran, dass die dort so oft streiken und daher das Zeug auf der Grenze hängen bleibt, oder ist er so weh beisammen, dass er die paar Läden mit unseren Safterl nicht findet? (*g*)
Aber im Ernst, unser Wasser wollen wir ja auch nicht wirklich unter den EU Bürgern aufteilen, also lasst uns auch unsere Weinderl selber trinken. So lange die Produzenten Kohle machen ist es egal wer das Zeug vernichtet!
Trinkt lieber, macht die Leber härter, als die ewige Laverei!
-hs, 09.06.04 @ 12:38
Korrektur
Sollte natürlich lauten:
Dans quelles domaines la France est-_elle_ la berceau de la culture Européenne ?
-hs, 09.06.04 @ 12:21
Französischer Chauvinismus
@alma
Bei aller Vorsicht gegenüber Pauschalierungen scheint mir vielen Franzosen ein recht robustes Nationalgefühl durchaus eigen. (Schlussendlich war der gute Nicolas Chauvin - obwohl von der Nachwelt nicht immer fair behandelt - einer der ihren).
Auch was die Weine betrifft gilt Frankreich als unübertroffen. (So nach dem Motto:
Frage : Dans quelles domaines la France est il la berceau de la culture Européenne ? Antwort : Dans tous les domaines !
Nachsatz : Et les autres ! (*))
Mit französischen Journalisten über österreichische Weine zu sprechen, hatte ich bislang keine Gelegenheit, bei Winzern jedoch ist mir immer wieder ein gewisses Interesse an österreichischen Weinen entgegengebracht worden. Möglicherweise zum Teil nur aus Höflichkeit, aber ich bin immer wieder auch auf tatsächliche Kenntnis einzelner österreichischer Weine getroffen.
Auch auf Weinkarten französischer Restaurants konnte ich schon vereinzelt österreichische Gewächse entdecken. Vor Jahren versuchte uns ein bemühter Sommelier eine Freude dadurch zu machen, dass er uns zum Dessert (blind) einen gut gereiften burgenländischen Eiswein kredenzte. Der Name ist mir leider entfallen, aber da wir die Weinkarte gut studiert hatten und der Wein doch typisch nach „Österreich” geschmeckt hat war es uns damals ohne größere Schwierigkeiten möglich, den sportlichen Ehrgeiz des Sommeliers zu befriedigen.
Es scheint also irgendwie ähnlich wie in anderen Ländern zu sein, wobei mir schon auffällt, dass es kaum innerfranzösische Ressentiments zu geben scheint. So konnte ich beispielsweise beim aufnehmenden Kellner noch nie ein Zeichen der Irritation entdecken, wenn sich ein Gast im Burgund „erdreistet” keinen der lokalen Weine sondern aus der (meist) gutsortierten Weinkarte einen Châteauneuf-Du-Pape oder einen der anderen „nicht Burgunder” zu wählen. Und auch die ambitionierteren Winzer kosten nicht ausschließlich in der eigenen Region oder gar nur im eigenen Keller.
-------
(*) Frage: In welchen Bereichen stellt Frankreich die Wiege der Europäischen Kultur dar?
Antwort: In allen Bereichen!
Nachsatz: Und den anderen auch!
tastatour, 09.06.04 @ 10:41
gluck
ich habe ja schon länger geahnt, dass die musik auch woanders spielt.
exkurs: wenn das boston symphony so klingen wollte wie die wiener philharmoniker würden sie es einfach tun.
ist ja nicht so, dass die in boston sitzen und weinen, weil sie "buhuu es nicht zammbringen", während man es sich in wien von publikumsseite meistenteils so vorstellt...
viele meta-ebenen des lebens haben weniger mit zauberei zu tun als mit einbildung und ich möchte anmerken, dass dies gut so ist. die einbildung der anderen ist allerdings oft genug ein ärgernis...
pivu, 09.06.04 @ 09:01
Lokal, global oder eh egal?
Einen Teran zu importieren ist nun ähnlich nicht erfolgsversprechend, wie heimische Spezialitäten, die da heissen Schilcher und Uhudler zu exportieren. Die schmecken an Ort und Stelle, und zwar richtig gut, und dabei soll man's bleiben lassen, soviel gibt's eh nicht davon. (Und manch ausländischer Weinfreund mag einen Veltliner oder Gruner oder wie das komische Zeugs in Austria (oder doch Australia?) genannt wird in die gleiche Ecke stellen, die Weinmafia (nein, ich habe keinen Verfolgungswahn ;-) ) sitzt schliesslich überall, und mancherorts besonders gut. Hier verlangt ja auch kaum jemand einen Kondriö, Wouwrä oder gar Bandol, des können wir nämlich selbst, und zwar viel besser.
Wo sind die Grenzen der vereinten Weinwelt, wo hört Patriotismus auf une fängt Weinkennerschaft an? Oder geht gar beides zusammen? (Denn Chauvis sind wir sowieso ;-) .)
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