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Das Weinlog
21.10.04 @ 23:08
SM Wein und selbsternannte Hedonisten
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Haben sich bis Mitte der 90er die Preise zwischen den Top-Weinen und den einfacheren Appellationen des Bordeaux noch einigermaßen parallel entwickelt, so sind seitdem die Preise der gesuchtesten Weine in absurde Höhen gestiegen wohingegen die Hersteller einfacherer Gewächse kaum noch imstande sind, ihre Gestehungskosten zu decken.
Zwei Meldungen der letzten Tage zeigen dieses Auseinanderklaffen wieder einmal recht deutlich:
Einerseits verramscht eine deutsche Supermarktkette einen Bordeaux Château Bel Air um 2,48€ und einen Bordeaux A.C. Francois Fouché um 1,79€ ( tinyurl.com/6jcuf ) andererseits kann man eine Million Yen (7.400€) ausgeben um gemeinsam mit Robert M. Parker und 39 weiteren „Hedonisten” 19 rare Weine von Château-Lafite-Rothschild 1864 aufwärts zu verkosten. 19 Gänge von Joel Robuchon sind im Preis inkludiert. tinyurl.com/59nb2
8 Kommentare | Kommentar abgeben
-hs, 22.10.04 @ 13:48
@jamiesolive: Vive la France!
Ich verstehe ja gut, dass ein Engländer gleich einmal die Strafe Gottes auf die Nachbarn vom Kontinent herabwünscht. Aber diese Frage ist entschieden:
Zunächst einmal ist es mehr als ungerecht, den Produzenten dafür zu verdammen, dass er imstande ist, Weine herzustellen, nach denen sich die Welt verzehrt und bereitwillig Unsummen ausgibt.
Und dann war es ganz eindeutig der Angelsachse Robert M. Parker jr., der die Reichen der Welt dazu brachte, Wein neben Jacht und Pferd als Luxusgut einzuschätzen, bei dem sich der Genuss in Parker-Punkten pro US-Dollar messen lässt. (Und erzählen Sie mir nicht, die Parkerschen Vorfahren wären Iren gewesen!)
Im Bemühen um Ausgewogenheit möchte ich dann aber doch nicht verhehlen, dass die Insulaner historisch gesehen ganz beträchtlichen Anteil am Zustandekommen der Produktion hochklassiger Weine im Bordeaux hatten. Allerdings könnte man dann doch auf die Idee kommen, dass damit das Übel erst begann.
Zu guter letzt waren es auch die Franzosen, die Gott seit 1792 eben wie Gott in Frankreich leben lassen, indem sie ihn gleichsam als Rationalisierungsmaßnahme seiner Pflichten entbanden. Somit braucht er sich dort auch gar nicht mehr strafender weise wichtig machen.
noapino, 22.10.04 @ 11:16
Hedonismus oder "opération de prestige"?
Ich bezweifle sehr stark, dass Aristippos von Kyrene, der Begründer der Lehre vom Hedonismus ("Lehre vom guten Leben") diesem Diner das von Robert M. gewählte Attribut zuerkannt hätte.
Es soll wie unter http://tinyurl.com/6a46o nachzulesen ist, Mitte Dezember mit 40 Personen an zwei Abenden stattfinden. Nicht klar ist, ob es zweimal das gleiche Programm mit je 20 Personen geben soll oder, ob das zwei Diners sein werden. In jedem Fall bleibt, dass es offensichtlich nur eine Magnum Lafite 1864 gibt und wenn die unter 40 Personen aufgeteilt wird bleibt für den „Genuss” nicht mehr recht viel übrig. Auch hätten die Hedonisten bei insgesamt weniger als einer halben Flasche Wein pro TrinkerIn und Abend wohl eher völlig verstört Dionysos angerufen, als sich am Gipfel des Genusses zu wähnen.
Aber der für die Verpflegung verantwortliche Joël Robuchon, klagt ohnehin bereits, dass es sich dabei um eine „opération de prestige” (Prestigegeschäft) handle, und die Kosten nicht gedeckt wären.
Mein Mitgefühl ist ihm gewiss.
jamiesolive, 22.10.04 @ 01:58
Gott strafe Frankreich
Die Franzosen haben mit dem ganze Preis-Unfug begonnen. Oder waren es etwa wir Briten? Oder war es nicht überhaupt Mister Parker jun., dieser unerträgliche amerikanische Wein-Schnösel, der sich mit Händlern gemein macht und dann die Weltmarkt-Preise künstlich in die Höhe treibt und dabei vor allem von der Ahnungslosigkeit europäischer Generaldirektoren profitiert, die Parker-Punkte für das Bildungsgut unserer Zeit halten? Von den japanischen Multimillionären ganz zu schweigen, die glauben, sie könnten Château Lafite und Romanée Conti ebenso einkaufen wie Mozart, die Philharmoniker und Kokoschka.
Keine Ahnung, wer den Anfang gemacht hat. Aber der Zustand ist jedenfalls beklagenswert.
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