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Das Weinlog

25.03.05 @ 21:01

Karfreitag

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Darf man an diesem tieftraurigen Tag der Christenheit auch über Wein nachdenken: das fragte ich mich, während ich zusah, wie die konsumfrommen Deutschen den höchsten protestantischen Feiertag dazu nützten, die Grenzgebiete mit ihrer ausgabenfreundlichen Präsenz zu erfreuen.

Ich meine, ich denke immer über Wein nach, und in diesem Forum wird auch viel über Gott nachgedacht ;-) , warum also nicht auch über den Herrn, der da am Kreuze hängt und dessen Durst mit essiggetränktem Schwamm gelindert wird?

Der Essig nämlich, das klingt heute so voller Spott und Hohn, aber damals Wasser zu reichen, das war ein Wagnis, nicht unbedingt gesund (obwohl, so in der letzten Stunde, was sollen da noch diese Kategorien?). Und vielleicht ist dieser Essig ja nur eine fehlgeleitete Übersetzung, und es war eigentlich Wein, ein saurer Wein vielleicht, was wissen wir schon, wie der Wein zu Kanaa oder Golgotha damals war!

Aber sicher hätten wir dem Herrn Jesus alle von Herzen einen frischen österreichischen 2004er gegönnt, der hat wieder die knackige Säure, die der vorhergehende Jahrgang vermissen ließ, und ob es jetzt das Trinkvergnügen vom Hirsch ist oder das Windspiel vom Fritsch oder der Sabathini vom Sabathi oder der Lois vom Loimer – das ist alles dazu angetan, auch einen traurigen Freitag aufzufrischen!
(Nur der Vervollständigung halber: ich bescheide mich heute dennoch mit Kräutertee ...)

2 Kommentare | Kommentar abgeben

steppenwolf, 26.03.05 @ 20:50

Ein toller Eintrag ...
Nicht unter dem Einfluss übermäßigen Weingenusses sondern vielmehr total Wodka-besoffen - es muss für mich entweder Moskovskaja oder Stolichnaja sein - kann ich den Eintrag unseres Bürgermeisters nur bewundern und sonst leider nichts beifügen. So gerne ich es täte.

Ich habe an anderer Stelle schon erläutert, dass Wein für mich mehr als die Droge darstellt. Es ist die notwendige Beschäftigung mit der Materie, die nicht nur oberflächlich geleistet werden kann.
Ich habe heute ein Zitat gehört: "Wer Großes leisten möchte, muss ein großes Opfer bringen." Ich denke, dass bewusste Winzer dieses Opfer durch die konstante Beobachtung ihrer Reben, durch fortwährendes Schmecken und durch eine Weiterbildung erreichen, die in den letzten Jahren in mir das Gefühl erzeugt, dass die Winzer wissen, was sie tun- oder auch unterlassen.
Vielleicht ist alles, was eine längere Durchlaufzeit als 14 Tage erfordert, Kunst -um einen früheren Thread zu zitieren.

Aber der referenzierte Eintrag hat Wein in einer eigenen Kategorie angesiedelt.

ChristophWagner, 26.03.05 @ 11:28

Ich bitte um Vergebung...
...für den folgenden Text, der schon fast die Länge einer Osterpredigt hat. Aber das Thema Christus und Wein lässt sich leider (zumindest von mir) nicht in einem Aphorismus abhandeln.

Also, zunächst zu Angelika Deutsch: Es gibt nicht den geringsten Grund, am Karfreitag keinen Wein zu trinken, am allerwenigsten die neuheidnische Sitte, sich während der Fastenzeit des Weines zu enthalten, was viel mit Fitness und Körperbewusstsein, aber wahrlich nichts mit Religion zu tun hat. Das genaue Gegenteil wäre katholisch: „Liquidum non frangit ieunium” lautet eine der wesentlichen kirchlichen Fastenregeln: „Flüssiges bricht das Fasten nicht.” Und erst die Einhaltung dieser Regel machte echtes Fasten (nämlich vor allem die Enthaltung vom Fleisch), etwa in den mittelalterlichen Klöstern möglich, da die entgangenen Kalorien dort über Wein, vorzugsweise auch über Bier zugeführt wurden.

Da aber heute nicht mehr Karfreitag, sondern schon Karsamstag ist, darf ich auch ein bisschen ketzerisch sein und darauf hinweisen, dass es auffallend viele Gemeinsamkeiten zwischen dem Dionysos- und dem Jesusmythos gibt. Da ist zunächst einmal die ungeklärte Frage ihres Eintritts in die Welt. Was bei Jesus die kausal nicht recht in den Griff zu kriegende Jungferngeburt ist, das findet man bei Dionysos sogar noch ein bisschen haarsträubender:

Dionysos war ein Bankert, Produkt eines Anbandelungsversuchs des Göttervaters mit der Königstochter Semele, der noch dazu schief ging. Weil Semele den missgestalteten, behinderten und auch sonst nicht wirklich richtig tickenden Dionysos nicht vorschriftsmäßig zur Welt bringen konnte, blieb Zeus also nichts anderes übrig, als die Sache selbst in die Hand zu nehmen, oder genau genommen in den Fuß, in dessen Schenkel Zeus die von ihm in die Welt gesetzte Kreatur einpflanzte, um sie selbst auszutragen.

Mir fällt in diesem Zusammenhang auch ein sehr schönes Bild von Hans von Aachen ein, das um 1600 entstand und auf den ersten Blick die „Heilige Familie” zeigt. Sieht man jedoch näher hin, so entpuppt sich der Nährvater Josef im Hintergrund mit seinem Faunsgrinsen als Bacchus, und die Dame, die das Kind an ihrem schönen Busen wiegt, ist keineswegs Maria, sondern Venus, weshalb das Söhnchen auch nur Amor sein kann. (Das Bild heißt dann auch: Bacchus mit Venus und Amor.)

Die Assoziation zur Heiligen Familie mag man selbstverständlich auch als kühne Interpretation eines etwas weinfixierten Ikonographen betrachten. Allein: Auch im Leben Jesu spielt der Wein eine wesentliche Rolle, die weit über das Weinwunder von Kana hinausging.

Immerhin brachte der Wein Jesus vor seinen weltlichen Richtern später sogar den Anklagepunkt ein, er sei aufgrund seiner Teilnahme an zahlreichen Gelagen wie etwa jenem des Zöllners Levi ein „vorax et potator vini”, ein Fresser und Säufer, gewesen. Um sich von den freudlosen Schriftgelehrten unter seinen zahlreichen Gegnern möglichst deutlich abzugrenzen, wählte Jesus immer wieder Weinmetaphern, bezeichnete sich selbst als „rechten Weinstock” und wählte ausgerechnet den Wein beim Letzten Abendmahl als Medium der Transsubstation, bei deren Einsetzung Jesus sich obendrein als besonders eifriger Schüler oder zumindest Geistesverwandter des Dionysos erwies.

Die physiologisch-spirituelle Vermischung von Fleisch, Brot, Wein, Blut und Gott, die den Abendmahlsmythos begrifflich absteckt, ist in der Tat auf dem Boden der Demeter gediehen und mit dem Blut des Dionysos getränkt. Wer fühlte sich bei Worten wie „Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird” (Lk 22, 19) oder „Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blute, das für euch vergossen wird” (Lk 22, 20) nicht an kannibalische Rituale erinnert?

Und in welche unmittelbare Nähe rücken da nicht die orphisch-dionysischen Mysterien mit ihrer suggestiven Idee vom Zerreissens und Wiederzusammensetzens des Leibes (eines/des) Gottes. Tausende Bilder des zerfleischten, gegeißelten Schmerzensmannes von Lukas Cranach bis Mel Gibson tauchen aus den Nebeln der Erinnerung auf und führen das Zerreißen eines Leibes vor, der laut katholischem Credo erst „zur Hölle absteigen” muss, bevor er „in den Himmel auffahren” kann und dort jene integrative Transsubstation erfährt, die ihn in die Lage versetzt, anschließend von seinen Jüngern und anderen, die an ihn glauben, immer wieder in Form einer Hostie aufgegessen und in Form des in Wein verwandelten Blutes erkenntnisdurstig geschlürft zu werden.

Bei Markus, Lukas und Matthäus ist ganz klar und eindeutig vom Essen des Leibes Christi die Rede, bei Johannes noch um eine Spur deutlicher sogar vom Essen (exakter übersetzt eigentlich vom Kauen) des Fleisches Christi. Der Lieblingsjünger Jesu bemüht sich also gar nicht erst um eine möglichst wenig anstößige Metapher, sondern nennt das Kind ganz einfach beim Namen - wie es im Evangelium heißt, ganz „unverhüllt und ohne Bilder”.

Wenn Jesus in Joh 6,5 vom Essen seines Fleisches und vom Trinken seines Blutes spricht, so meint er damit kein symbolisches, sondern ein tatsächliches Welt-Essen und Gott-Trinken, wie es vor allem in der christlichen Abendmahlgemeinschaft überleben sollte. Auch wenn sich heutzutage nur recht wenige, und schon gar nicht die besonders Frommen, wirklich daran erinnern mögen.

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