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Das Weinlog

06.02.06 @ 15:47

Wein, Käse und Mozart

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Wie geht das zusammen?, fragen Sie verwundert, zu Recht. Vom Nicht-Zusammengehen soll denn auch hier die Rede sein, und von der Wissenschaft, einer Form von Wissenschaft, die so gern forscht, uns Ergebnisse hinstreut, an denen wir dann zu knabbern haben, oder von einer Wissenschaft, die Ergebnisse konstruiert, welche eigentlich keine sind, und uns auf diese Art und Weise mit Lächerlichkeiten entzückt. Mit einem Wort: um ein paar Fundstücke der letzten Tage geht’s, die ich da ungeniert zusammenfüge, egal, ob sie zusammengehen oder nicht.

Da wäre einmal: Wein und Käse gehen nicht zusammen. Sagte jedenfalls unlängst der New Scientist. Man könne sich die mühsame Wahl ausgesuchter und teurer Weine sparen, wenn’s um Käse geht – denn der würde alles unterdrücken, was an Differenzierungen im Wein möglich sei; Proteine im Käse würden die Geschmacksmoleküle im Wein binden, Käsefett sich undurchdringlich auf Zunge und Gaumen des Verkosters legen, Beeren- und Eichenaromen, Säure und Gerbstoffe gingen so mehr oder weniger verloren.

Und nun? Was fangen wir mit dieser Meldung an? Nie wieder Wein zum Käse? Alle kostspieligen Ausbildungen für Käse-Sommeliers umsonst? Neue Marktchancen für Billigweine? Nicht mal mehr Eichenchips vonnöten?

Mal ehrlich: haben Sie jemals Wein VERKOSTET, gar BEWERTET, wenn Sie dem Genuss feiner Käse frönten? Sich auf Aromen- und Strukturensuche im Wein begeben, während Rohmilch-Köstlichkeiten Ihre Sinne betörten? Oder ging es nicht eher um ein mehr oder weniger geglücktes Zusammenspiel, das aus zwei oder mehr Teilen eine neue Einheit bildet?
Ich meine, zum Salat passt ja Wein irgendwie auch nicht. Und doch hat mir ein Sauvignon blanc vom Skoff unlängst GANZ GUT zu einem reichhaltigen Salat mit karamellisiertem Ziegenkäse geschmeckt. Ja und letzthin haben mir zwei lustige Herren mit gelben Krawatten eine Veuve Cliquot Reserve kredenzt, die mir so sehr den Gaumen verklebte (hohe Dosage!), dass ich rätselte, wozu dieser Champagner wohl serviert werden könne – zu Käse! war die Unisono-Antwort, zu kräftigen, reifen Hartkäsen. Zum Beispiel. Also irgendwie geht doch immer etwas zusammen ...

Wenn Sie aber doch frustriert sein sollten, weil Ihr Lieblingswein zum Lieblingskäse so gar nicht funktionieren mag, dann hören Sie doch ein paar Minuten Mozart KV 448 (Sonate für zwei Klaviere) – dann haben Sie wenigstens ein besseres räumliches Vorstellungsvermögen. Das ist nämlich der so genannte Mozart-Effekt. Eine Million Neunhunderttausend Einträge in 0,28 Sekunden (mit der englischen Schreibweise ...) Aber ersparen Sie mir hier detaillierte Erläuterungen. Vielleicht haben Sie ja noch das Presse-Spectrum vom 21. Jänner daheim!

www.mozarteffect.com/
www.diepresse.com/Artikel.aspx?channel=sp&ressort=S104&id=533390&archiv=false
www.newscientist.com/channel/being-human/mg18925354.700

27 Kommentare | Kommentar abgeben

Russell, 07.02.06 @ 15:24

Chefdirigent Russell
ich weise ordnungshalber darauf hin, dass mein Vorname Bertrand ist und ich mit dem gleichnamigen Dirigenten nichts gemeinsam habe.

Russell, 07.02.06 @ 15:11

Ist Mozart zu begreifen?
Ich mag Harnoncourt und ich mag auch seine Darstellungen. Das bewusste Zitat halte ich allerdings für eine poetische Überzeichnung, die entweder zu hoch gegriffen ist oder eine Trivialität darstellt. Praktisch jeder Mensch ist für seinen Nächsten unbegreiflich, selbst derjenige, welcher in eine statistische Durchschnittsmenge hineinpasst. Ist ein Serienmörder begreifbar? Begreifen die Leute Einstein? Ist das Begriffenwerdenkönnen eine Qualität, eine Kategorie? Vielleicht trifft das bei Politikern zu:)
Sicher war Mozart einzigartig. Als ich jung war, wurde ich mit der Behauptung konfrontiert, dass man Mozart nur entweder als Kind oder als exzellenter, sehr reifer Musiker spielen könnte. Aber mit diesem Zitat begehe ich die gleiche ungeheuerliche Ungenauigkeit, die Harnoncourt unterlaufen ist. Meint er mit Mozart den Menschen oder die Musik, die Mozart komponiert hat?
Und wie verstehen wir das Statement? Wollen wir Mozart als Menschen begreifen, dann ist der Milos Forman-Film sicher eine bessere Annäherung als "Wen die Götter lieben". Und ich überlasse es jedem einzelnen, sich darauf einzulassen, einen anderen Menschen, noch dazu aus einer anderen Kulturepoche, begreifen zu wollen.
An die Musik kann man anders herangehen. Dazu später noch mehr. Denn jetzt taucht eine Zusatzfrage auf: wieso kann ein Mensch, ein Mozart mit der ihm innewohnenden Arbeitsweise solche Musik schreiben. Man sagt, dass er jedes Musikstück auf einmal im Kopf konzipiert hat? Nun, eine solche Arbeitsweise finden sich auch bei manchen Wissenschaftern, welche eine bahnbrechende Idee haben und dann zwanzig Jahren an Beweisführung und Umsetzung arbeiten. Friedemann Bach hat man ähnliches Vermögen in der Musik nachgesagt. Vielleicht stimmt die Darstellung Hermann Hesses, der einen sehr starken Zusammenhang zwischen Mozart und Jazz im Steppenwolf anspricht. Das würde bedeuten, dass das Musizieren die grundlegende Basis bildet. Mozart würde dann wie ein MP3-Kodierer funktionieren, der die halbstündige Symphonie in drei Minuten auf ein Format analysieren kann, welches ausreichende Tontreue gewährleistet. Mozart war halt ein Super-MP3-Konverter und hat das in Sekundenbruchteilen geschafft. Das ist ein Verhalten, welches nachbildbar ist. (Zum besseren Verständnis: legen Sie eine Audio-CD in ihren Computer und konvertieren Sie sie nach MP3. Und dann frage ich Sie, warum das nicht eine Stunde sondern nur wenige Minuten dauert?)
Doch jetzt zur versprochenen Musikbetrachtung: könnte bzw. dürfte ein Komponist der heutigen Zeit so wie Mozart komponieren? Wohl kaum. Musik spricht ihre eigene Sprache und die ist ein Produkt aus Zeit, Umgebung und der bis dahin gewachsenen kulturellen Entwicklung. Täglich sterben Sprachen auf dieser Welt aus. Diese Sprachen können nie mehr rekonstruiert geschweige denn verstanden werden.
Ich würde postulieren, dass Mozarts Musik in Resonanz mit seiner Umgebung entstanden ist. Dass diese Musik in uns etwas Besonderes bewirken kann, schreibe ich den heutigen Zeitläuften mit den damit verbundenen Sehnsüchten und Vorlieben der Menschen zu. Interessanter wäre doch die Frage, ob jemand gleichzeitig Heavy Metal u n d Mozart mag. Oder wir bewerten die Musik nach der Anzahl der Personen, welche sie zum Geschlechtsverkehr inspiriert hat. Wer gewinnt da wohl: "Reich mir die Hand, mein Leben", Ravels Bolero, oder der Tristan? Diese Frage ist hier nicht nur der Provokation halber gestellt. Schließlich spricht Harnoncourt nicht von "verstehen" sondern von "begreifen". Begreifen impliziert eine sinnliche Erfahrung. Die könnte ein Pianist haben und sich freuen, dass Mozart gut in der Hand liegt. Wahrscheinlich ist aber Chopin in dem Bereich der dankbarere Komponist für das Klavier. Oder liegt es in der Bescheidenheit? Selbst ein Kind kann mit kleinen Händen und wenigen Noten eine angenehme Stimmung beim Zuhören erzeugen und empfindet diese Funktionalität als Bestätigung. Begriffen hat Mozart wahrscheinlich die Konstanze, der man das Begreifen gar nicht zutrauen möchte.
-
Nein, Mozart heute zu "begreifen" ist wohl nicht mehr möglich. Aber das - denke ich - ist eine Trivialantwort. Oder hat jetzt zum Beispiel jemand begriffen, was ich sagen möchte?

-ad-, 07.02.06 @ 14:53

kontrollverlust
Kollege Degen spricht's gelassen aus: Selbst wenn sich wissenschaftlich, über diverse Molekülverbindungen, nachweisen lässt warum was zusammengeht oder eben nicht, sind es doch die Gefühle, die uns die Harmonie mitteilen.

Zustande kommt dies wieder einmal über unser Geruchsempfinden, das wiederum hat seinen Sitz in einem stammesgeschichtlich gesehen alten Hirnteil, im Riechkolben, der wiederum mit dem limbischen System = Gefühlsverarbeitung verbunden ist. So schleichen sich also die Gerüche am Tor des Bewusstseins (Großhirnrinde) vorbei (eine Art Kontrollverlust), kommen durch die Hintertür und lösen Emotionen und Triebe aus.

Tränen des Glücks also bei idealen Kombinationen! Wenn uns dann Chefdirigent russell noch die jeweils passende Musik liefert, lassen sich Unwirtlichkeiten wie Ortstafeln, Karikaturen, Adelen und Salieren zumindest stundenweise vergessen.

-ad-, 07.02.06 @ 13:01

versäumnis
So direkt angesprochen, verehrte pastinake, wird mir natürlich mein Versäumnis offenbar! Da ich mich aber lieber auf Fachfrauen als auf mein Gefühl verlasse, muss ich noch um etwas Geduld bezüglich einer eindeutigen Namensnennung bitten. Aber ich würde da einen gereiften Wachauer Riesling nicht ausschließen!

Mittlerweile aber wurde ich anderweit fündig: es gibt eine "Umami" geannte Schokolade! Lagenschokolade aus Papua Neuguinea, mit Citrusnoten und Meersalz, angeblich gut zu Rieslingen passend, von trocken bis edelsüß ...

Ja und wer etwas fundierter nachlesen will zu diesem auch nicht wirklich fassbaren Begriff (aber ist es nicht das Unfassbare, im Wein wie der Musik, das die ewige Faszination ausmacht?), sei auf die Seite
http://webzine.symrise.de/de/pdf/sym_umami_de.pdf
vewiesen.
Der freie Glutamatgehalt wird übrigens in mg/l gemessen.

-bd, 07.02.06 @ 11:53

verwissenschaftlichung
Wahrnehmungen auf der Gefühlsebene lassen sich oft nur ungenügend wissenschaftlich erklären. Soll der Scientist doch schreiben was er will - perfekte Wein-Käse-Kombinationen ermöglichen unglaubliche Genuss-Erlebnisse. Eine passende TBA zu Blauschimmelkäse kann wahre Geschmacksexplosionen hervorrufen. Kein Geschmack überdeckt den anderen, sie verstärken sich vielmehr gegenseitig.

Ähnlich verhält es sich mit Wein, man kann ihn zwar in seine kleinsten Bestandteile zerlegen und wieder zusamensetzen, völlige Harmonie wird man damit aber nie erreichen. Und auch eine Einzwängung in ein (100)Punkte-Korsett ist für das lebende Naturprodukt nur eine subjektive Momentaufnahme, auch Wein lässt sich nur bedingt verwissenschaftlichen.

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