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Christoph Wagner's Weblog
18.05.04 @ 01:56
Turnen und Jausnen
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Zwei Meldungen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, fielen mir heute ins Auge.
Zum einen will eine ab 1. Juli gültige neue EU-Hygieneverordnung nicht nur der Direktvermarktung auf Bauernhöfen und der romantischen Käseproduktion in Holzbottichen, sondern sogar der guten alten Brettljause den Garaus machen. (oesterreich.orf.at/oesterreich.orf?read=detail&channel=6&id=320642)
Zum anderen forderte Sportstaatssekretär Schweitzer heute eigene Sportprogramme für Büros und schlug vor, dass das Mitmachen beim betrieblichen Sport Voraussetzung für die Aufnahme in eine Firma sein möge.
Nur wer am Arbeitsplatz mitturnen will, meinte der freiheitliche Sportsmann sinngemäß, solle in Zukunft überhaupt in einen Betrieb aufgenommen werden. (www.orf.at/040517-74316/index.html)
In beiden Fällen wird von scheinbar vernünftigen Prämissen ausgegangen. Keine Frage: Wer seinen Speck auf Plastik schneidet, läuft weniger Gefahr, gefährlichen Keimen zu begegnen. Und wer in der Mittagspause hüpft und joggt, tut etwas für seine Gesundheit.
Problematisch dabei ist in beiden Fällen nicht die Idee, sondern der damit verbundene Zwang. Wer sich dem Diktat von Plastik-, Agrar- und Gesundheitslobbies nicht unterwerfen will (wie etwa Tiroler Ab-Hof-Verkäufer und Almwirte oder bekennende Winston-Churchill-Adepten), der soll nicht nur durch (möglicherweise durchaus verdiente) Staphylokokken und Adipositas abgestraft werden, sondern gleich durch den Entzug seiner gesamten Lebensgrundlage, sprich: Arbeitsberechtigung.
Fällt eigentlich irgend jemandem auf, dass wir das alles schon einmal hatten? KdF hieß das damals: Kraft durch Faschismus, pardon: durch Freude.
Also dann: Nur weiter hurtig voran auf dem Weg in die schöne neue Lifestyle-Diktatur.
10 Kommentare | Kommentar abgeben
rebstock, 22.05.04 @ 14:11
laut Europäischer Union "unhygienisch"
seit hunderten Jahren wurden Speis + Trank auf/in Holzgefässen produziert, serviert, genossen. Der Sauberkeitsfimmel hat imho in erster Linie die an der Umrüstung Beteiligten verdienen lassen, die Menschen selber sind tw. daurch eher bedient worden (Allergieen explodieren geradezu)
PeterBeck, 19.05.04 @ 09:38
Schweitzer
Des Staatssekretärs Kapriolen sind zum Schreien. Was muss man sich noch alles einfallen lassen um überhaupt wahrgenommen zu werden.
Fand den Beitrag im Fernsehen einfach lächerlich. Wer berät solche Personen?
andreasbigler, 19.05.04 @ 08:00
Turnen, warum nicht....
Aber wieso gleich alles nachmachen, was uns von den Schweden, oder sonst wem vorgehopst wird.
Ich für meinen Teil wäre ganz schön angefressen, müsste ich mich bei einer Einstellung verpflichten, das firmeneigene Kraftkammerl aufzusuchen, um gesund zu bleiben oder zu werden. Wozu soll ich dort mit den "Bürowalchen" herumturnen, wenn ich eh bei jeder Gelegenheit mountainbiken, surfen, snowboarden und höhlenforschen geh?!
Ein absolut bewegungsfauler Mensch wird mit der aufgezwungenen Hopserei, weder gelenkiger, noch gesünder werden.
Und da ich in diesem Fall sowieso schon angefressen bin, brauch ich also keine Nahrung mehr, werde daher keine gefährlichen Colesterinwerte haben und kann mir die Hopserei ersparen .......
Bin ich froh, dass wir in der EU sind, denn das hat unsere Politiker wirklich vernünftig und seeeeeehr kreativ gemacht!
steppenwolf, 18.05.04 @ 23:03
Brettljausn und Kannibalismus
Vielleicht wird die EU-Verordnung nur falsch verstanden! In Wirklichkeit will man damit dem Tranchieren beim lebendigen Leib das Handwerk legen, nachdem dies offenkundig ja doch immer wieder einmal vorkommt. (siehe Quelle voriges Weblog)
Allerdings verwundert mich, dass diese Verordnung erst jetzt hochgespielt wird. Die ist doch sicher schon länger vorbereitet wurden.
alma, 18.05.04 @ 22:34
Ka Holz vor der Hütt'n?
Auf der Alm, da gibt's koa Sünd - das soll sich nach Willen der EU und ihrer Milch-Hygieneverordnung nunmehr ändern: während sich ständige (Tal)Direktvermarkter unter großem auch finanziellen Aufwand umgestellt haben, sind die Almen durch anhaltende Schneelage (wie vor zwei Tagen bei einem Bsuch auf der Karmelisenalm oberhalb Innervillgratens festgestellt) noch vor der Überprüfung gefeit. Aber es werden Stimmen laut, dass mit den geltenden Verordnungen auch die almerischen Produktionen eingestellt werden - was nicht nur zu einem Kulturverlust, sondern auch zu touristischen Einbußen führen wird. Jodeln allein macht nicht satt. Selbst wenn die notwenigen räumlichen Trennungen zwischen Milch- und Käseproduktion machbar wären - soll der ganze Kas dann auf Meissner Porzellan serviert werden?
Zum Zwang zur sportlichen Arbeit fällt mir hingegen folgende Vision ein: Ich war in zarten frühen Jugendjahren unwissenderweise Mitglied des ÖTB (weil's da Volkstanz gab) und wunderte mich, dass wir zu Saitenspiel, Gepfeife und Zimbelklängen singend durch Linz spazierten, anstatt zu turnen und zu athletisieren. Vielleicht wandern künftig die körpererüchtigten Arbeitnehmer ähnlich frisch und frei durch die Straßen? Befreit durch Arbeit?
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Das Weinlog --- 16.04. @ 10:11
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