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Christoph Wagner's Weblog

02.09.04 @ 03:04

Metamorphosen

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Heute abend durfte ich Hans Pitnauers 2003er Rote kosten. Ich muss vorausschicken, dass ich ihn seit 1986, als ich erstmals seine Bekanntschaft machte, für eine der großen österreichischen Winzerpersönlichkeiten halte und an seinen Weinen vor allem liebe, dass er sie in erster Linie für die Sinne und erst in zweiter Linie für den Intellekt macht.

Sein neuer St. Laurent duftet nach Bittermandeln und Marzipan. Sein Bienenfresser (Zweigelt) ist das Idealbild eines bacchantischen Weines: rauschaft schön und unkompliziert zu genießen. Sein Pegasos (Syrah) ist blutvoll, sanguinisch und ein idealer Wein zur Taube, während ich seinen trockenfruchtig-vorweihnachtlichen „Quo vadis" (Merlot) lieber zu einem Moorhuhn trinken würde.

Bleiben noch zwei Fassproben des Franz Joseph (Cabernet Sauvignon und Blaufränkisch) zu erwähnen: Der 2002er ist noch ein recht zorniger junger Intellektueller, der gleichwohl dereinst noch zum Philosophen werden kann. Der 2003er hingegen verspricht nicht mehr und nicht weniger als ein „Grand vin" zu werden. Er hat kein Fauns-, aber auch kein Heldengesicht, doch er besticht im Winckelmann´schen Sinne schon heute durch edle Einfalt und stille Größe, will heißen: wahre Kunst.

Dass diese Eintragung nicht in Traubing, sondern in Speising vermerkt wird, verdankt sie folgender Begebenheit: Nach der Verkostung führte mir Hans Pitnauer, nebstbei ein leidenschaftlicher Computerfilmer, einen Bericht über das Fest der „schwarzen Katzen" (sprich: der mänadischen Winzerinnen von Göttlesbrunn) vor, in dem er den Protagonistinnen zunächst eine Metamorphose von weißen in schwarze Gewänder gewährt. Danach verwandelt er sie mittels eindrucksvoler Tricktechnik in Kellerkatzen – und zuletzt in Bouteillen.

So werden Winzerträume wahr.

6 Kommentare | Kommentar abgeben

jamiesolive, 07.09.04 @ 10:27

Danke!
Nachdem ich mir einige der letzten Sendungen des großen Jamie zu Gemüte geführt habe, betrachte ich es eigentlich als Kompliment, ihm im Magen liegen zu dürfen. Froh bin ich nur, dass ich wenigstens meinen Kern noch rechtzeitig aus seinem Gedärm gerettet habe, bevor nun wohl endgültig Jamies voraussehbarer, aber unaufhaltsamer Abstieg beginnt.
London kann ganz schön grausam sein. Wenn ich mir überlege, wie lange in Wien mittelmäßigen Restaurants wie etwa dem Fabios mediale Kränze gewunden werden...

noapino, 07.09.04 @ 09:01

@jamiesolive
Dein ehemaliger "Wirt" wird in der aktuellen Ausgabe von Harden's London Restaurants Guide arg zerzaust:
http://www.thisislondon.co.uk/insiders/restaurants/articles/12905491?view=Text
Sein Restaurant "Fifteen", das aus einer Realityshow mit arbeitlosen Jugendlichen hervorging und seitdem als eine Art Charityprojekt betrieben wird, landet in der Kategorie "über 60£" abgeschlagen am letzten Platz.

Wie konnte das nur passieren? Vielleicht bist Du ihm bei Deinem "Durchmarsch" doch nicht so gut bekommen? Ob Du das jemals wieder gutmachen wirst können?

jamiesolive, 07.09.04 @ 01:59

Milch
Habt ihr eigentlich gewusst, dass die Mänaden keinen Wein, sondern nur Milch trinken?
Wahrscheinlich tun das moderne Winzerinnen ja auch. Und außerdem erklärt es diesen unerklärlichen Blutdurst. Wer (zuviek) Wein trinkt, will niemanden zerfetzen, sondern – zumindest früher oder später – einfach seine Ruhe.

noapino, 02.09.04 @ 19:06

humanistischer Parforceritt
nach dem theologischen Exkurs vor einigen Wochen („Theodizee”) diesmal gleich ein Parforceritt quer durch die Antike ausgehend von den Bachanalien, mit dem geflügelten Pferd kurz ins alte Rom (der Habsburger scheint mir hier weniger relevant) und dann panflötespielend unter Mitnahme des dichterisch veranlagten Archäologen und Antikekenners zurück zu den Gehilfinnen des Bacchus.
Da wird mir trotz acht Jahren humanistischem Gym ein wenig schwindlig. Aber ich war ja auch nur im neusprachlichen Zweig und das mag als Entschuldigung dafür dienen, dass ich die Mänaden dann doch nachschlagen musste. (Google sei Dank)

Doch die Göttlesbrunner sollten sich da etwas in Acht nehmen, denn trotz ihres liebreizenden Äußeren ( http://www.gottwein.de/imag03/maenade01.jpg ) scheint mir der Umgang mit ihnen alles andere als risikolos:

Dass sie im Dithyrambos abtanzen und dabei ihrem Gott zu Ehren „Eueu” rufen mag ja noch angehen und dass sie dann gerne junge Tiere (auch Moorhühner?) in Stücke reißen und roh verschlingen sei gerade noch durch die Ekstase entschuldbar. (Is halt Mulatschak – schreibt man das so?). Dass sie dabei aber auch vor nahen Verwandten (Agaue zerriss ihren Sohn Pentheus) und begnadeten Sängern (ich sage nur: Orpheus!!) nicht halt machen geht dann doch zu weit. (Letzteres ist zwar nicht ganz sicher, vielleicht waren es ja doch die Thrakerinnen, wer kann das heute noch sagen? Aber sicher ist sicher.)

Also in jedem Fall würde ich als Göttlesbrunner etwas vorsichtiger sein und sie nicht auch noch durch Verwandlungstricks unnötig reizen. So ein Thyrsosstab ist alles andere als ungefährlich!

alma, 02.09.04 @ 18:42

das eigene Weib schlürfen
Als Erstreaktion einer gelernten Feministin stand "sexistisch!" im Raum. Bei näherer Betrachtung entschied ich mich dafür, den Winzertraum als Ausdruck innigster Liebe zu betrachten und die Umwandlung der Winzerinnen von schwarz über weiß mit Zwischenzustand animalisch bis hin zum fließenden Element als eine Sonderform des Kannibalismus anzunehmen, wo die Liebe mit der üblichen Vereinigung nicht das Auslangen findet und die Einverleibung - standesgemäß als köstlicher Wein - verlangt wird.
Das setzt aber voraus, dass mit "Bouteillen" der Inhalt und nicht das Gebinde gemeint war - sonst sind wir wieder bei der ursprünglichen Einschätzung: sexistisch.

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