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Christoph Wagner's Weblog
11.05.05 @ 15:21
Eine Lanze für Toni M.
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Wie man sich derzeit auf oesterreich.orf.at/oesterreich.orf?read=detail&channel=10&id=380108 überzeugen kann, ist gegen Toni Mörwald eine Kampagne der Arbeiterkammer Niederösterreich im Gang, hinter der ich allerdings (jedenfalls nach meiner Kenntnis der Gastronomie) Zündler und Neider aus Tonis eigener Branche vermute.
Die Tätigkeit der Arbeiterkämmerer hat übrigens meinen vollen Respekt. Gerade in Zeiten von Globalisierung und Flexibilisierung brauchen wir Leute, die gewissenlosen Flexibilisierungsgewinnern und Globalisierungsabcashern gnadenlos auf die Finger schauen. Nur: Toni M. gehört, zumindest soweit ich ihn kenne (undich kenne ihn ganz gut) nicht zu diesen.
Würde er dazu gehören, so dächte er beispielsweise nicht im Traum daran, Lehrlinge auszubilden, sondern würde unter der Knute von ein paar Professionsten ausschließlich ungelernte Arbeitskräfte und Saisonniers ins Hackeln bringen (und sich im übrigen aus dem schwarzen Arbeitsmarkt bedienen.)
Toni M. ist jedoch, bei allem Selbstdarstellungswillen, der ihm zugegebener Maßen auch eigen ist, einer, dem nicht nur seine eigenes Gastro-Imperium, sondern auch die Gastronomie an sich am Herzen liegt. Und er weiß, dass die Gastronomie ohne ausgebildete Lehrlinge keine Zukunft abseits völlig gleichgeschalteter Systematisierung durch Convenience-Produkte haben wird.
Nun findet aber die Gastronomie, im Gegensatz zum Tischlerhandwerk oder der segensreichen Tätigkeit der Rauchfangkehrerzunft, leider hauptsächlich während der Abendstunden statt. Kein Mensch hat beispielsweise ein Mitleid mit Bäcker- oder sonstigen Lehrlingen, die bereits um zwei Uhr Früh aufstehen müssen, um pünktlich zum Backen der ersten Semmel im Laden zu erscheinen. Wenn ein Lehrling bis Mitternacht kochen soll, gilt er jedoch als „jugendgefährdet”, auch wenn er danach vielleicht noch zwei, drei Stunden Disco anhängt.
Doch genug genörgelt. Alles, was man Toni M. vorwirft, könnte man vergleichbaren gastronomischen Unternehmern auch vorwerfen (und je höher das Niveau des Gebotenen, desto treffsicherer wären die Vorwürfe.) Dass es nun ausgerechnet Toni M. getroffen hat, mag mit seiner Popularität und medialen Allgegenwart zusammenhängen. Die Arbeiterkammer Niederösterreich sollte sich aber dennoch nicht instrumentalisieren lassen, um das Geschäft von ein paar Neidern zu besorgen, die es auch und gerade in der Gastronomie immer gibt.
Vor allem aber sollte auch die AK ein vitales Interesse daran haben, dass in der Gastronomie weiter Lehrlinge ausgebildet werden, und das wird, wenn sich die bisherige fundamentalistische Sicht auf die Dinge nicht bald geändert hat, zumindest in der Gastronomie nicht mehr lange so sein.
34 Kommentare | Kommentar abgeben
Minimalist, 12.05.05 @ 20:48
Lechts und Rinks
Zuerst, eine Beneidung: lieber steppenwolf, Viognier 2000 (bei mir schon 9 Monate aus) ist natürlich noch besser als 2002.
Danach, eine Entschuldingung für alle Zeiten: ich bin ein 60jähriges Kind 30jähriger Computerkommunikation. Schreiben wie reden: einfach drauf los; schrecklich fehlerhaft und schlampig (Viognee!, Chilli!, wudre!...). Sorry! Wirlklich! Ehrlich! Knirsch!
Zum Thema: müssen wir wirklich alles regulieren?
Zum besseren Verständnis: ich bin SW-Unternehmer (mit 60% Export) und arbeite selten mehr als 38-40 Stunden die Woche: konzentriert und dann wenn es notwendig ist.
Ich, überhebliches A...., lach mir einen Ast, wenn Industriekapitäne mit ihren 80 Stundenwochen Punkten wollen. Ja, genau so schauen die Ergebnisse auch manchmal aus.
Ich bin für die 35 Stundenwoche (für alle) aber mit mehr Flexibiltät und Selbstbestimmung: einmal 12 Stunden arbeiten und dann 2 Tage frei oder so: in Summe 1600h im Jahr. Einer 16jährigen kann man das nicht zumuten?
Ich möchte einfach, dass die Dinge zu Ende gedacht werden: muss uns der Staat alles vorkauen und uns bis ins letzte Detail vor allem schützen? Was nimmt er uns dafür? Souveränität!
Ich behaupte: das ist nicht sozial.
Das ökonomische Interesse: ist es wirklich der Feind der Arbeitenden?
Wie wär's mit zuerst verdienen und dann verteilen (und nicht umgekehrt).
Manchmal entpuppt sich ein Totenkopf bei genauem Hinschaun als Schmetterling.
Ihr linker Kapitalist,
steppenwolf, 12.05.05 @ 18:11
@Minimalistischer Viognier
hat ja nichts mit dem Thread zu tun, aber es juckt mich einfach in den Fingern, mitzuteilen, dass ich gestern maßgeblich am Leeren einer Flasche Viognier 2000 beteiligt war.
Es ging hier aber weniger um Beruhigung als um ausgesprochen gute Laune und um die Freude, diesen Wein auf der Weinkarte des Vincent finden zu können.
Der hat dort überhaupt ein paar ganz nette Weinderln auf der Karte, aber das schreibe ich später noch in der Lokalkritik.
noapino, 12.05.05 @ 16:16
@pastinake: GastgewerberbearbeitnehmerInneninteressenschutzei
damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich behaupte keineswegs, dass die derzeit geltenden gesetzlichen Grundlagen das Gelbe vom Ei des GastgewerberbearbeitnehmerInneninteressenschutzes sind. Dazu fehlt mir genauso die detaillierte Kenntnis der Regelungen, wie auch die des Arbeitsalltags in Restaurantküchen.
Ich bin sogar überzeugt, dass auch hier kontinuierlicher Anpassungs- und Verbesserungsbedarf besteht. (Wo ist das nicht so?)
Für problematisch halte ich es jedoch, wenn diese Regelungen nach eigenem Gutdünken vom Arbeitgeber abgeändert werden. (Umgekehrt würde sich dieser – mit Recht – genauso wehren).
Denn die Interessenlagen eines Arbeitnehmers und die eines Arbeitgebers differieren halt doch in einigen Bereichen und um meinem üblen Ruf als Zitatenschleuderer wieder einmal gerecht zu werden rufe ich einen unverdächtigen Zeugen zu hilf:
Democracy is the worst form of government - except for all those other forms, that have been tried from time to time.
(Winston Churchill)
jamiesolive, 12.05.05 @ 15:57
Nachtwächter
Ich denke, man sollte das alles nicht zu sehr ideologisch überfrachten. Nachtwächter beispielsweise gehören gut bezahlt, sozial abgesichert und sollten möglichst gesunde Arbeitsbedingungen vorfinden. Das einzige, was man vernünftiger Weise nicht über sie verhängen sollte, ist ein Nachtarbeitsverbot.
Nun ist Nachtwächter, glaube ich, kein Lehrberuf. Aber im übrigen gilt für Köche, gleich welchen Alters, ziemlich dasselbe wie für Nachtwächter. Unabhängig davon, ob sie ihren Job im real existierenden Sozialismus oder im Turbokapitalismus ausüben: Es wird spät.
pastinake, 12.05.05 @ 13:41
Liebe Katiza!
Dass jeder Akademiker einen Gewerbeschein bekommt, aber ein talentierter Nichtakademiker die Konzessionsprüfung machen muss, ist mir leider bekannt. Auch dass es einen regen Konzessionsmarkt gibt, das ist ja gerade das Problem einer verlogenen Reglementierung!
Wir sind uns einig, dass Lehrlinge nicht ausgebeutet werden sollen. Ich distanziere mich auch vor Begriffen wie "Abhärtung". Ich halte aber im Gegensatz zu Ihnen und Noapino die gesetzlichen Methoden für ungeeignet. Meine Vorstellung von sozialem und solidarischem Zusammenleben beinhaltet auch den Wandel, das Überdenken von Regeln. Vieles wurde zum Schutz gegen Ausbeutung eingeführt und führt unter geänderten Rahmenbedingungen zu Benachteiligungen (z. B. Nachtarbeitsverbot für Frauen). Ein Anstoss zum radikales Überdenken des Ausbildungssystems in der Gastronomie: fast alle meine höchst erfolgreichen Lieblingsköche und Köchinnen haben keine Lehre absolviert.
--- 04.09.18 @ 20:56
Über eine Monokultur aus Klonen künstlich geschaffener Lebewesen – über den Weinbau / PICCOLO: Aus einem alten "Spiegel" Artikel 30.10.1978 - Deutsche Winzer ziehen der Biene wegen den Zorn des Waldgängers Wellenstein auf... [mehr]
--- 04.11.17 @ 09:30
Über würdige, reife Weine / schischi: Mein persönliches Highlight - Uns hatte einmal ein Winzer, das muss so um 2010 gewesen sein, einen Weißwein... [mehr]
--- 09.10.17 @ 20:27
Was Chemtrail-Glaube und Biodynamischer Weinbau eint / OberkllnerPatzig: Feuer - Was man womöglich noch hinzufügen kann ist, dass manche Winzer, die sich rühmen,... [mehr]
--- 18.04.17 @ 12:49
Rauf die Preise! / PICCOLO: Schnell kommt man ans Bildermalen... - Doch schwer an Leute die es bezahlen. So salopp sagen, die Preise sollen rauf,... [mehr]
--- 13.10.16 @ 13:42
Rauf die Preise! / Meidlinger12: Beisl - z.b. das Quell kann noch immer das große Gulasch um 6,90 anbieten. Muß aber... [mehr]
Peter Gnaiger's Sternen-Logbuch --- 04.08.07 @ 20:16
Tischgespräche --- 11.05.07 @ 11:48
Das Gastlog --- 04.09.06 @ 16:45
Das Weinlog --- 16.04. @ 10:11
Christoph Wagner's Weblog --- 04.02.06 @ 13:33