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Christoph Wagner's Weblog
20.07.05 @ 21:47
Der Geschmack Gottes. Ein Nachtrag zur Schönborn-Debatte (Speising-Bär da links, verzieh dich, jetzt wird´s ernst!)
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Seit jeher beschäftigt mich die Frage, ob es möglich sei, das Wesen von Gottes Schöpfung zu erkennen, indem man sie aufisst. Die Frage ließe sich freilich auch weiter führen: Ist es möglich, Gott, indem man seine Welt anknabbert und deren Geschmack ergründet, auf die Schliche zu kommen, indem man dabei auch den Geschmack Gottes ergründet?
Für mich ist die Antwort ganz klar: Um an Gott und seiner Schöpfung Geschmack zu finden, muss man zunächst einmal wissen, was Gott schmeckt. Nur wer Gottes Geschmack kennt, vermag auch seine Schöpfung zu enträtseln. Aber wer weiß schon, ob er danach an Gott und seiner Schöpfung auch noch wirklich Geschmack fände?
Gott weiß das natürlich auch. Und deswegen hat er wohlweislich das Seine dazu getan, um seinen Geschmack in den Schriften des Alten Testaments gründlich zu verschlüsseln. Dabei hat er ganz klare Speisegebote dekretiert. Doch lassen diese Rückschlüsse auf seinen Geschmack zu, oder wollen sie nur einfach befolgt sein?
Nun gut. Versuchen wir´s einmal:
1. Gott liebt das Fleisch. Dabei könnte man aus dem Studium der Genesis leicht gerade die gegenteilige Erkenntnis gewinnen. Denn das Paradies ist vegetarisch. Alles was darin wächst, also alles Vegetarische, gestattet Jahwe seinen Geschöpfen Adam und Eva zu essen. Nur die Früchte vom Baum der Erkenntnis, an denen offenbar auch die Schlange interessiert ist, dürfen Adam und Eva nicht essen. Die Frage, ob es sich dabei um einen Apfel, eine Mandarine, einen Paradiesapfel oder einen Pfirsich gehandelt hat, scheint also müßig. Selbstverständlich handelte es sich bei den Früchten des Baumes der Erkenntnis um nichts Vegetarisches, sondern um Fleisch. Gott aß es gerne, und er wollte nicht, dass man es ihm wegaß, also verbot er es. Am Baum der Erkenntnis hingen also Würste, Schinkenkeulen, Saumaisen und Rippenspeere. So einfach war das. Und Gott fand Gefallen daran.
2. Gott liebt den Wein. Vom Wein ist im Paradies nicht die Rede. Erst nach der Sintflut, als die Menschen auch Fleisch essen dürfen, ist er plötzlich da und beschert Noah, der ihn noch nicht kennt, fürs erste einmal einen gehörigen Rausch. Dazwischen liegt die Verkündigung der Speisengebote Jahwes. Die ausdrückliche Erlaubnis, Fleisch zu essen, erteilt Jahwe der Menschheit erst nach der Sintflut.„Alles Lebendige, das sich regt, soll euch zur Nahrung dienen” (1 Mos 9, 3) ist zweifellos eine Geste der Milde, eine Konzession an die nunmehr — nach Sündenfall und Sintflut — bereits zum zweiten Mal bestrafte Menschheit. Dass diese Erlaubnis zeitgleich mit dem ersten Auftreten des Weinstocks in der Bibel erfolgt, mag ein Zufall sein: In jedem Fall gönnte Jahwe Noah ausdrücklich den Braten — und schenkte ihm den Wein dazu. Aus dem himmlischen Paradies war endgültig das irdische geworden — mit allen Gefahren, die dieses auch bergen mochte. Die Frage ist lediglich, was dazu führte.
3. Gott liebt die Sünde. Genau das ist die einzig mögliche Antwort auf diese Frage. Gott, der, von Anfang an seiend, gewissermaßen naturgemäß das Gute und das Böse in sich vereint, schuf sich — ob aus Langeweile, Experimentierlust oder Bosheit, wissen wir bis heute nicht — den Menschen nach seinem Bilde. Selbstverständlich war sich Gott dabei bewusst, dass in ihm und daher auch in diesem Bilde Gutes wie Böses enthalten war. Aus einem uns, trotz aller theologisch-philosophischer Aufarbeitung, ebenfalls bis heute noch nicht bekannten Grund setzte Gott sich aber, zumindest anfangs, in den Kopf, dass die von ihm geschaffenen Menschen nur den guten Teil seines Wesens erben sollten, obwohl er genau wusste, dass auch sein schlechter Kern in ihnen schlummerte. Um den nicht zu wecken, gab Gott den Menschen Vorschriften. Er versuchte sie, so gut er konnte, zum Vegetarismus anzuhalten, und er hielt den Wein und damit den Rausch von ihnen fern. Doch genau das klappte nicht. Das vorgeprägte Böse in Adam und Eva ließ sich nicht so mir nichts dir nichts hintanhalten, ebenso wenig wie offenbar der finstere Teil in Gott selbst, der sich flugs in eine Schlange verwandelte und das Unternehmen Gutmensch von vornherein zum Scheitern brachte. Gott musste also, ob er wollte oder nicht, mit den von ihm geschaffenen Menschen in weiterer Folge das Fleisch, den Wein und die Sünde teilen.
4. Was Gott noch alles liebt. So ganz und gar wollte Gott, was er liebte, mit den Menschen, die er ja nicht nur als seine Geschöpfe, sondern auch als seine Untergebenen empfand, dann wieder doch nicht teilen: Also ächtete er die Sünde ganz im allgemeinen, legte dem Weingenuss gewisse Regeln des Maßhaltens auf, indem er den nackten Noah gleich einmal zum Gespött seiner Söhne machte, und er verbot dem Menschen schlichtweg den Genuss aller seiner Lieblingsspeisen. Eine andere kausale Logik für die mosaischen Speisegebote lässt sich nämlich beim besten Willen nicht finden, obwohl Theologen, Judaisten, Ethnologen und Ernährungswissenschaftler sich an diesem Thema, weiß Gott, die Zähne ausgebissen haben. Es mag banal klingen, allein: Wir können davon ausgehen, dass Gott, was er als rein bezeichnete, nicht besonders mochte, während das, was er unrein nannte, seinem Geschmack entsprach. Auf diese Weise erschließt sich durch den Geschmack Gottes plötzlich ein Menü der verbotenen Genüsse: Gefülltes Kamel, Dachsbraten, gebratener Aal, Drachenkopf, Forellen, Saiblinge, alle Krusten- und Schaltiere vom Flusskrebs über den Hummer bis zur Languste, Rabenragout, Heuschrecken, die feinen Geckos, Eidechsen, Salamander und so manches andere, wofür wahre Feinschmecker gewohnt sind, von weither anzureisen.
5. Ob Gott auch Designer ist, mögen andere beurteilen, und es ist mir, ehrlich gesagt, auch nicht so wichtig. Nach der vorangegangenen kleinen Beweisführung wage ich jedoch zu behaupten: Gott ist Gourmet.
77 Kommentare | Kommentar abgeben
Minimalist, 22.07.05 @ 12:06
@apicius
Ein Stück Fisch, in handgepresstem...., kurz nach dem Fang?
Ich empfehle ein paar Stunden Muskelentspanung, der Saibling schmeckt dann wirklich besser.
Das Ende des Kochens und des Essens?
Ich hatte einen Freund:
60iger Jahre: "Das schmal Prelallelwedeln kann nicht mehr übertroffen werden"
70er Jahre: "Der mit dem Innenschi angesetzte Jetschwung ist jetzt der Gipfel der Entwicklung"
extrapoliert auf 2000: "Der Carvingschwung, danach kann es nichts mehr geben"
(Er ist schon länger nicht mein Freund, weil mich hat die Neugierde aus der Armut meiner Jugend getrieben).
Ich werde meine Zunge und Gaumen weiter bedingungs trainieren um zu erhaschen, warum, bei gleicher Zubereitung, ein Seesaibling aus dem Altaussee anders schmeckt, als der Saibling aus der warmen Mandling. Und Reinanken, Felchen und Lavarello nicht in einen Topf werfen.
Und freue mich schon auf meine nächsten ahhs und ohhs.
Minimalist, 22.07.05 @ 11:51
@jamesolive
Ergebnisse der Evelution sind nichts zufällig, sondern nur nicht vorhersehbar. Cross-over, Selektion und Mutation sind sehr einfache aber bestimmte Regeln, welche durch oftmalige Anwendung zu sehr komplexen Systemen (z.B. dem Menschen) führen können aber auch zu Stillstand.
Deshalb sollten wir mit der Gentechnik übervorsichtig umgehen. Denn wir wissen bei einem gentechnische Eingriff WAS wir tun aber selten WOZU das führt.
Deshalb ist gentechnische Manipulation von Organismen, die wir dann essen gar nicht sooooo fortschrittlich. Es ist ein Ausdruck einer menschlichen Hilflosigkeit: "wenn wir es nicht besser wissen, machen wir halt das naheliegende"
jamiesolive, 22.07.05 @ 01:11
liebe freunde des evolutionären zufalls!
tatsächlich ließe sich die liste der „zufällig” entstandenen gerichte auch noch auf produkte erweitern. selbstverständlich sind das bier, der käse, der wein, das brot, die polenta, das olivenöl, der essig, die schokolade, der kaffee, usw. usf. durchwegs mit den worten „da hat wohl irgendjemand einmal...” entstanden. der irgendjemand war meistens ein unbekannter hirten oder eine hausfrau, denen irgendwas misslungen ist, und dann war´s plötzlich da.... das rad ist auch so erfunden worden, und das fass, und die kanone, und das schießpulver.... (pardon, das war der pater berthold schwarz im jahr 1313, aber auch der kam zufällig auf das schwarze pulver, und hieß zufällig auch noch schwarz.
rein zufällig erstürmte auch ein gewisser jean j. pélissier (1794-1864) die russischen bastion malakoff bei sewastopol auf der krim, und irgendjemand (vermutlich kein hirte, sondern ein konditor) benannte eine biskottentorte nach ihm, für die er eine damals längst bekannte eiercreme mit biskotten in eine tortenform stopfte.
auch die geschichte des wiener schnitzels begann wohl irgendwann einmal mit den worten: da hat wohl irgendjemand irgendwann einmal brotkrumen in irgendwelche eier fallen lassen, und dann ist ihm auch noch irgendein stück fleisch in den topf gefallen. dann warf er es zornig weg, aber es landete zufällig auf einem stein, der zufällig in der sonne glühte, und siehe da, die poren verschlossen sich, die kruste wurde golden und knusprig, und das ding schmeckte vorzüglich.
die evolution kann in ihrer bevorzugung des zufallsprinzips schon manchmal auch verdammt unwissenschaftlich sein.
ml, 22.07.05 @ 00:16
@sonjaaa
ich glaube, dass die Malakofftorte und das Boeuf Stroganoff ähnlich entstanden sind.
apicius, 21.07.05 @ 23:24
Devolution - ja.
Als im 16. Jahrhundert die Küche des „Platina” von Cremona auf den italischen Fürstenhöfen eine kleine Revolution auslöste, meldeten sich die Kirchenfürsten sofort mit einem Bann auf das Werk dieses „Reformators”. Warum?
Hier erkennt man die große Einigkeit zwischen christlichen und heidnischen Anschauungen, wenn es um Veränderung beim Essen ging. Unselige Zubereitungsformen!
Wir kennen den Begriff „koscher”. Im Islam gibts es das auch und der Begriff heißt „halal”. Für die Freunde von Witzigmann, Bocuse und Wörther u. A. unter den Speisinger ein völliger Unsinn.
Für die Nachdenker aber doch etwa gerade so interessant, dass man sich über diese Denkwelt in eine bessere Ernährungsform retten kann, bevor es zu spät ist und die Normierung alle guten Lebensmittel soweit gebracht hat, dass Originalität nur mehr in Sonderschauen und Sondervorführungen vorhanden sein wird. Ähnlich wie es heute so Töpferwerkstätten gibt wo man noch mit der Hand Teller bemalt.Die glotzende Meute schaut zu. Kaufen tut man die Teller dann beim Kika.
Die ältesten Speiseregeln und Schlachtregeln finden sich für unsere Kultur im babylonischen Talmud. Es werden dort Verarbeitungsregeln aufgestellt, die wiederum , wie behauptet wird die Erfahrungsschätze der chaldäischen Kultur sind, welche über 3000 Jahre Reflexe und Erscheinungsformen der Nahrungsmittelaufnahme durch Menschen studiert hatten. Keine Milchsoßen bei Fleischspeisen, Artenschutz, Fastenregeln. Vieles liest sich wie eine Diätanweisung für einen Ernährungsgeschädigten Zeitgenossen von heute. Platina führte nur einige neue Gewürze ein. Den Hitzeerzeugenden Pfeffer, eine die Wollust fördernde Wirkung regte die Klosterbrüder auf. Wer an Gott glaubt, der muss dann aber auch zugeben, dass Platina auch ein Geschöpf Gottes war. Die Kirche hat ihm später als er tot war längst verziehen.
Evolution bei den Speisen gibt es nicht. Was als Entwicklung angesehen wird ist zumeist völlig untauglich dem Wort Fortschritt zugeordnet zu werden. Entwicklung gibt es bei den Hitzequellen, und bei den Aufbewahrungsorten, Transportwegen und Arten. Ein Stück Fisch in handgepresstem Öl, oder ausgelassenem Fett, auf einer Eisenplatte gebraten, möglichst kurz nach dem Fang, ist immer besser als im Tour d Argent nach 200km LKW Fahrt und durch zwanzig Hände gereicht.
So kann man beim Essen keine Evolution, ich meine eine Entwicklung die so ein Wort rechtfertigt, feststellen. Ich bin überzeugt speziell bei der Gourmandise eine Devolution zu sehen.
Hat man keinen bretonischen Hummer mehr, fischt man die Kamtschatka Gewässer leer. Der Koch ist nicht mehr als ein Depp, mag er kochen wo er will, schon gar kein Meister und niemals ein Halbgott wenn er diesen Unsinn den er bewirken muss nicht erkennt. Mit dem was ein Koch wirklich sein soll, hat letzteres nichts zu tun.
Die eiskalten zungenkruden Deppen des „Kapital” brauchen halt auch was zum Essen.
Wer Kochen natürlich so sieht , daß Teller und Ausstattung, Kochgewand und Klimaanlage usw.. und Kulturberieselung auch zum KOCHEN gehört, der hat natürlich Evolution überall. Aber ich rede nur von den Kochvorgängen.
--- 04.09.18 @ 20:56
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