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Christoph Wagner's Weblog

11.10.05 @ 09:29

Karl Seiser ist tot

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Soeben habe ich die erschütternde Nachricht erfahren, dass sich mein Freund Karl Seiser, Co-Geschäftsführer im Palais Coburg, in seinem Weinkeller das Leben genommen hat.

Ich weiß zurzeit nichts über die Gründe. Aber dass ein so positiv denkender, sensibler, humorvoller, fleißiger und liebenswürdiger Mensch im gastronomischen Umfeld seiner Zeit keinen Lebenssinn mehr findet, das sollte uns doch allen zu denken geben.

Es mag, zumindest zu gegenwärtigen Zeitpunkt, übertrieben sein, dahinter einen österreichischen „Fall Loiseau" zu wittern. Tatsächlich aber werden die menschlichen Rahmenbedingungen gerade in der Spitzengastronomie, die immer weniger mit Gastronomie und immer mehr mit Spitzensport zu tun hat, zunehmend fragwürdiger.

Ich kann es immer noch nicht fassen. Mein tief empfundenes Beileid gilt Karl Seisers Familie, aber auch seinen Mitarbeitern. Die Wiener Gastronomie hat nach Rudi Kellner, in dessen Altwienerhof Karl Seiser jahrelang als Sommelier gearbeitet hat, bevor er zunächst zu Wein & Co. und dann in den „Meinl am Graben" wechselte, nun schon zum zweiten Mal in diesem Jahr, eine ihrer Leitfiguren verloren.

28 Kommentare | Kommentar abgeben

Tschuri, 19.11.05 @ 17:15

Wie ein Blitzschlag
Ich lernte Karl Seiser 1983 im Wien Hilton, wo er als als Commis de Cuisine und ich als Lehrling unter Küchenchef Werner Matt arbeitete, kennen. Schon damals hob er sich angenehm von den vielen rücksichtslosen Ehrgeizlern und Karrieresten in dieser Branche durch seine Bescheidenheit und Ehrlichkeit ab.
Ehrgeizig war der Charly natürlich auch, aber ohne die bei vielen seiner mehr oder weniger erfolgreichen Kollegen damit verbundene Kälte. Er konnte sich wohl auch darauf verlassen, dass er gut genug war, um zu den Besten seines Fachs zu gehören, ohne den anderen ein Bein stellen zu müssen.

Ich verlor ihn - nicht zuletzt deshalb, weil ich der Gastronomie den Rücken gekehrt hatte - aus den Augen, freute mich aber für ihn, als ich in den Jahren darauf immer wieder über seine Erfolge lesen konnte.

Erst vorgestern erfuhr ich von seinem tragischen Tod und war so erschüttert, dass mir die Tränen in den Augen standen. Charly war einer, dem die Menschen nicht egal waren, und der gerade deshalb einen bleibenden Eindruck hinterließ, auch bei jenen, die, so wie ich, nicht zu seinem engeren Freundeskreis gehörten.

SylviaPetz, 18.10.05 @ 21:32

„Angesichts der Majestät des Todes steht es uns nicht zu, nach dem Wie und Warum zu fragen”,
diese Worte hat Hans Denk gestern am Begräbnis von Karl Seiser zu uns gesprochen.

Wenn die Website des Palais Coburg nach dem tragischen Tod Karl Seisers nicht zeitgerecht und professionell auf den Stand der Dinge gebracht wurde, mag dies daran liegen, dass Schock und Schmerz über diesen Verlust niemanden an solche „Nebensächlichkeiten” haben denken lassen. Wenn mein Bruder nur eine kurze „Dankesantwort” auf ein Beileidsschreiben geschickt hat, mag dies daran liegen, dass er nicht nur seinen Geschäftspartner sondern auch seinen besten Freund verloren hat und sich trotzdem bemüht hat, die unzähligen Anrufe und E-Mails persönlich zu beantworten, bis er am Donnerstag dann selbst zusammengebrochen ist.

Es ist es mir ein Anliegen, hier zu sagen, dass Karl Seiser viele gute Freunde hatte, mit denen er in seinen letzten Wochen viele und lange Gespräche geführt hat. Er war nicht alleine und seine Freunde waren ihm echte Freunde. Dass er am Schluss diesen Weg als den für ihn einzig gangbaren gewählt hat, konnte niemand von uns ahnen und hätte niemand von uns verhindern können.

Im Palais Coburg läuft seit letzten Montag eine Art Notbetrieb. Die engsten Mitarbeiter um Karl Seiser sind freigestellt, bis es ihnen wieder möglich ist, in den Alltag, der nie wieder sein wird, wie er einmal war, zurückzukehren.

Vielleicht können hier im Forum die Worte Hans Denks noch einmal nachwirken und möglicherweise sind sie die passenden Schlussworte für diese Diskussion.

Hot-Volant, 17.10.05 @ 13:33

@pfefferkugel
Es ist wahr. Unter Presse/Downloads finden sich sogar noch Bilder von Karl Seiser.

jamiesolive, 17.10.05 @ 01:37

the shining
oft hat mich die menschenleere lobby des coburg an kubricks „the shining” erinnert. ich wusste nicht recht warum, doch allmählich wird es mir klarer.

pfefferkugel, 17.10.05 @ 01:33

Kein Nachruf
Zur Ehrenrettung des Herrn Petz möchte ich festhalten das auf der Website des Palais Coburg unter download/presse ein Nachruf veröffentlich wurde! Im allgemeinen finde ich, sollte man im Gedanken bei der Familie Seiser sein und nicht die wildesten Spekulationen in Gang bringen! Lasset ihn in FRIEDEN RUHEN!

andreasbigler, 16.10.05 @ 23:37

Kein Nachruf ...
Nachdem ich erfahren hatte, dass Herr Seiser für immer unsere Welt verlassen hatte, sprach ich via Mail mein Beileid dem Coburg - Team aus. Von Herrn Petz bekam ich eine "Dankesantwort" und dann hab ich mir die Website des Coburg angesehen und mich sehr gewundert, dass hier nicht die geringste Andeutung bezüglich des tragischen Verlusts zu finden war. Leider hatte ich es mir nicht anders erwartet - ja nichts melden, denn dann könnte ja jemand drauf kommen, dass ein gewisser Grad an Mobbing am Tod Herrn Seisers mit verantwortlich gewesen sein könnte .....

Ich werde mit Sicherheit nicht mehr im Coburg speisen, denn was vor 60 Jahren angestellt wurde, sollen wir nicht vergessen, aber was vor ein paar Tagen geschah, scheint nie gewesen zu sein!

Super, wer solche FReunde hat, der braucht keine Feinde mehr!!!!!!!

Hot-Volant, 16.10.05 @ 23:01

Karl Seiser und Coburg
Ich kannte weder Karl Seiser noch war ich je im Coburg.
Ich fühle mit der Familie, wie ich das auch sonst tun bei gleichartigen Konstellationen tun würde. Es handelt sich ja nicht um einen Einzelfall.
-
Das Verhalten vom Coburg kann ich nur so verstehen, dass es im letzten Augenblick absoluten Unfrieden gegeben hat. Das 1984-mä0ige Umschreiben von Geschichte ist allenfalls dann angebracht, wenn ein Skandal drohlt und sich ein Unternehmen distanzieren will.
-
Allerdings gibt es auch ein Zitat: de mortuis nihil nisi bene (über die Toten nur Gutes). Ein Verhalten wie von Coburg ohne Nachruf kommt einer Diffamierung gleich, die vermutlich nicht gerichtlich geahndet werden kann. Trotzdem bin ich überzeugt, dass es Möglichkeiten gibt, der derzeitigen Führungsmannschaft vom Coburg klar zu machen, wie weit sie daneben gegriffen hat.
Es handelt sich jedenfalls um eine stark polarisierende und unversöhnliche Aktion.
Schade.

alma, 16.10.05 @ 17:37

Das Schweigen des Coburg
Dass einer der sonst meistgenannten (meist in einem Atemzug mit Christian Petz) Mitarbeiter des Coburg nicht einmal mehr eine pietätvolle Erwähnung findet, ist wahrlich erschütternd, so fällt das Licht sehr schief.

apicius, 16.10.05 @ 15:19

rex defunctus est
Lieber Profiler…

Meine Meinung wird Dir nicht schmecken, aber durch die Zeilen dieses Weblogs finden sich immer wieder bestimmte Worte, welche in scheinbarer Zusammenhangslosigkeit doch in Summe, und etwas erklärt, die Dialektik der Spitzengastronomie schlechthin, darzustellen bestens geeignet sind. Ich picke es heraus:

* sensibler, humorvoller, fleißiger und liebenswürdiger Mensch

Personen dieses Gemütsschlages gehören nicht in eine von Kapitalgesellschaftern zurechtgebastelte Welt. Leider werden gerade solche Personen angeworben. Stellenangebote diverser Unternehmen reflektieren diese Qualitäten, nur die Belastbarkeit wird noch höher eingeschätzt. Ich übersetze diese Floskel so: Er muss für jede Marotte des Konzerns ein offenes Gemüt haben, alles anfassen können und zu allem den Mund halten.


* schönsten und wohlsortiertesten Weinkeller des Landes

Marketingstrategen haben das sich so ausgedacht: Mit welchem Gag punkten wir in der Boulevardpresse. Den größten Koch haben wir nicht, goldene Toilettendeckel hat ja eh schon wer. Den größter Weinkeller, größte Bar, größtes Salatbuffet könnte man bis zu den größte Deppen weiterspinnen.


* seiner bescheidenen und zurückhaltenden Art

Entspricht dem Anforderungsprofil der Firma. Führt aber dazu dass solche Personen sich auch leicht grämen, übervorsichtig sind und bei geringen negativen Anlässen kaum Schlaf finden. Wenn sie morgens aufwachen finden sie sich schweißgebadet m Bett. Täuschen sich mit Tropfen, Anwendungen, Autosuggestion usw..

* mit seiner Übersicht und Kompetenz

Das lese ich sehr oft in Restaurantkritiken und es ärgert mich immer dass Kritiker nichts Besseres zu tun haben als „Übersicht und Kompetenz” welche in sich komplexe Bedeutungen bergen, so salopp daher zu kritzeln. Es genügt wenn wer aufmerksam ist. Außerdem werden ja oft richtige lächerliche Charakterreferenzen in Zeitungskolumnen abgegeben.

* Leistungsdruck und Risiko

Der Leistungsdruck in derartigen Betrieben wird von Seiten des Unternehmens immer heruntergespielt, man will sich ja keine Schwerverdiener züchten. Man sucht belastbare kompetente Fachleute, verspricht ihnen „Leistungsorientierte Entlohnung”…..

Am Ende schauen dann die Lohntüten recht mager aus, man schenkt dem guten Koch oder Kellner ein paar Auftritte bei den ORF Seitenblicken und in der Sonntagkrone, eine „Gault Millau” Haube dazu und es passt. Auch diese Auszeichnungen tragen zum Druck bei, schaffen eine Druck – Kausalkette durch die ganze Firma, denn geht ein Hauberl verloren dann Gnade den Leuten der Herrgott.

Solche Auszeichnungen sind vielen Hotelkonsortien billige PR Gags und „Goschenstopfer” beim Personal.

Schlussendlich zeigt die Redaktion der Webseite nur diese eiskalte Realität. Ich hätte mir dort auch einen Nachruf erwartet, wo sonst Bitte???

profiler, 16.10.05 @ 12:40

ein wenig eigenartig.....
wird, meiner bescheidenen meinung nach, mit diesem tragischen unglück auf der website des coburg umgegangen. denn, gleich zwei tage später wurde überall der name karl seiser entfernt, so als ob es ihn nie gegeben hätte. mir ist schon bewusst, dass jeder mensch, sofern er nicht geschichte schreibt, einmal vergessen wird, aber dass es so schnell geht ist doch ein wenig befremdend. möglicherweise bin ich auch etwas zu sentimental veranlagt.

mit nachdenklichem gruss

ChristophWagner, 13.10.05 @ 12:27

Überlegen, was man tun kann
Ich kann @weinfreund 66 nur Recht geben. Um etwas tun zu können, haben Freunde der Familie Seiser unter der Kontonummer 56026087066 und Bankleitzahl 12000
ein Konto eingerichtet, das auf die Namen von Karl Seisers Kindern Linda und Bernhard lautet.

HGruber, 12.10.05 @ 20:24

Karl Seiser
Warum - diese Frage rotiert seit gestern in meinem Kopf herum. Doch trotz aller Überlegungen werde ich wohl keine sinnvolle Antwort finden, warum ein so symphatischer und wertvoller Mensch wie Karl einer war, freiwillig diese Welt verlässt. Ich hatte die grosse Ehre, mit ihm ein halbes Jahr im Altwienerhof arbeiten zu können und habe ihn als immer fairen, humorvollen und fachlich unglaublich kompetenten Menschen kennengelernt. Meine Gedanken sind natürlich auch bei Gitti und ihren Kindern! Ich werde Karl nie vergessen!

Weinfreund66, 12.10.05 @ 16:14

Karl Seiser ist tot
Ich kenne Charly seit nunmehr 15 Jahren, auch wenn der Kontakt in den letzten Jahren berufsbedingt etwas weniger intensiv war. Ich war heute zutiefst erschüttert, als ich die Nachricht bekommen. Mein großes Mitgefühl gilt seiner Frau Gitti und den Kindern.
Die Frage nach den Gründen ist schwierig und sicher nicht eindeutig zu beantworten. Wer Charly kannte, weiß, dass er ein überaus korrekter und pflichtbewußter Mensch war. Sein versteckter Humor und seine Herzlichkeit machten ihn so sympatisch. Vielleicht hat sein fast übertriebenes Pflichtbewußtsein und Verantwortungsgefühl einen so großen Druck aufgebaut, dass er dem nicht mehr standhalten konnte. Der Druck muss unvorstellbar groß gewesen sein, so groß, dass er ohne zu denken gehandelt hat. Charly hätte seine Frau und seine Kinder niemals allein gelassen, wenn er in dieser Minute auch nur einen klaren Gedanken hätte fassen können. Es ist tragisch, dass ihm keiner helfen konnte.

Von Schuldzuweisungen sollten wir jedoch Abstand nehmen, sondern überlegen wie wir seine Familie unterstüzen können. Die Weinwelt und alle, die ihn kannten, werden ihn sicher immer in Gedanken behalten.

epicuria, 12.10.05 @ 15:49

ausweglosigkeit
depression, ob endogen oder exogen - um himmels willen hilfe suchen und annehmen.
erschüttert vom tod eines liebenswürdigen menschen, meine gedanken sind bei seiner familie

Minimalist, 12.10.05 @ 15:12

Lieber Bürgermeister
Ich habe es erfreulich mutig gefunden, diesen Beitrag nicht als "bestürzende News" sondern als weblog zu veröffentlichen. Dieses Thema wird so gerne verdrängt. Und natürlich gibt es jetzt Diskussion. Und sie ist dem Wesen nach unendlich schwierig.
Wahrscheinlich sind die meisten von uns Hobbysoziologem, -psychologen,...
(Natürlich würden wir unsere Meinung nicht in einer Fachzeitschrift veröffentlichen).
Ich neige hh's Meinung eher zu als jamiesolive's. Aber das heisst gar nichts.
Sie glaube zu wissen das Karl Seiser das Gegenteil eines depressiven Menschen war.
Ich möchte dieses tragische Ereignis nicht durch ein Ichbeispiel nieder bügeln, aber vielelicht hilft es irgend jemand.
Ich habe Höhenangst. In der Höhenfalle geht es mir so schreckich, dass ich am liebsten den Hang hinunter springen möchte. Selbst die heissgeliebte pastinake erscheint mir dabei "nebensächlich". Ausser ihr wissen wenige von diesem Defekt (ich habe z.B. keine Flugangst).
Natürlich tun mir Frau und Kinder leid. Aber ich kann Karl Seiser für diese Tat nicht tadeln. (ausser es stellt sich heraus, die Gründe sind viel oberflächlicher).

buchegger, 12.10.05 @ 13:21

seiser karl
wir mochten ihn gern, sehr gern,
doch seine kinder und die frau alleinzulassen ist doch wirklich ein zu einfach gewählter weg, schade! dem karl und vor allem seiner familie alles gute

ChristophWagner, 12.10.05 @ 13:19

Klarstellung
Ich greife wirklich nur ungern in laufende Diskussionen ein, möchte aber vor dem tragischen Hintergrund dieses Falles doch klarstellen, dass persönliche Verdächtigungen hier ebenso unerwünscht sind wie unbestellte hobbypsychiatrische Ferngutachten. Wer Karl Seiser gekannt hat, der wusste, dass er das genaue Gegenteil eines depressiven Menschen war.

jamiesolive, 12.10.05 @ 13:15

nochmals geantwortet
das „in seisers fall" bezog sich selbstverständlich darauf, dass in dieem fall auch kritiker und gäste miteinzubeziehen sind, frau großinquisitor.

pastinake, 12.10.05 @ 13:02

@jamiesolive: Nochmals nachgelesen
"Dass es aber in erster linie die mitmenschen sind, die jemanden in den selbtmord treiben ......bleibt dabei unbeachtet. in seisers fall u.a. vorgesetzte, kritiker, mitarbeiter und last not least auch gäste." Das bezieht sich sehr wohl auf den konkreten Fall und stellt auch den unmittelbaren Bezug von "in den Selbstmord treiben" und den Vorgesetzten, Kritikern und Mitarbeitern her.

jamiesolive, 12.10.05 @ 11:37

keine gerüchte
ich habe keine gerüchte verbreitet, sondern, völlig unabhängig vom gegenständlichen fall, meiner meinung ausdruck verliehen, dass die ursache von selbstmorden bei menschen und nicht in statistiken zu suchen ist. und dass die allgemeine gefühlskälte nicht nur in „anderen wirtschaftsbereichen", sondern auch bereits in der gastronomie (in der es ja um die angenehmen und schönen dinge des lebens gehen sollte) einzug gehalten hat, macht die sache auch nicht besser.

pastinake, 12.10.05 @ 11:17

Gerüchteküche
Die Rahmenbedingungen sind in der Gastronomie auch nicht viel anders als in einem anderen Wirtschaftsbereich mit Leistungsdruck und Risiko. Mit der Zuweisung von Schuld an Vorgesetzte, Kollegen oder Kritiker wäre ich ohne klaren Beweis vorsichtig. Stellen Sie sich vor, einer Ihrer Mitarbeiter begeht Selbstmord und die Öffentlichkeit nimmt einfach an, dass Sie als Vorgesetzter schuld sind!
Gäste können sehr lästig sein, aber deshalb Selbstmord? Die Selbsttötung eines Menschen ist traurig genug, da muss man nicht noch Gerüchte verbreiten.

jamiesolive, 12.10.05 @ 09:59

@rahmenbedingungen
die frage warum sich einer freiwillig aus unserer schönen neuen welt vertschüsst, wird immer unbeantwortbar bleiben oder zumindest eine vielzahl möglicher antworten hervorrufen. im gegenständlichen fall scheinen manche speisinger jedoch einen automatischen schutzreflex zu entwickeln, der sie selbst (in ihrer funktion als - echte oder potenzielle - gäste) von jeglicher mitverantwortung ausnimmt. das lösungswort lautet also depression. mag sein, er/sie war ein psycherl, hatte eine schwere kindheit oder krankheit, oder es herrschte einfach nur vollmond.

mag alles zutreffen. dass es aber in erster linie die mitmenschen sind, die jemanden in den selbtmord treiben (oder, was noch häufiger geschieht, ihn nicht davon abhalten) bleibt dabei unbeachtet. in seisers fall u.a. vorgesetzte, kritiker, mitarbeiter und last not least auch gäste. also eben doch die von cw erwähnten rahmenbedingungen.

Minimalist, 12.10.05 @ 06:26

@hh
ein phantastischet Beitrag, der den Punkt trifft. Dazu im Spiegel: ungewöhnliches Aggressionsverhalten, oft Ausdruck einer Depression. Hilfe annehmen!
Und die Glücklichen. Hilfe anbieten!

hh, 11.10.05 @ 21:39

Macht DIESpitzengastronomie oder die Depression krank?
Niemals wollen wir den Spitzensommelier und Maitre Karl Seiser mit seiner bescheidenen und zurückhaltenden Art vergessen,
jeder, der von ihm jemals als Gastgeber betreut wurde, wird den Mensch Karl Seiser mit seiner Übersicht und Kompetenz vermissen!!

Wir wollen das tragische Schicksal von Karl Seiser nicht als Opfer der Spitzengastronomie wissen, wir wollen hingegen dieses Drama als Warnung vor eine der tückischsten Krankheiten, der Depression, sehen.
Die Folgen dieser unterschätzen und immer mehr verbreiteten Krankheit kann, vor allem bei erfolgloser Behandlung oder Nichtbehandlung die freiwillige Beendigung des irdischen Daseins nach ziehen.

Das durch Sinn- und Seinkrise, Entäuschung, Stress oder dem Nichtverarbeiten traumatischer Erlebnisse viele Gastronomen gegenüber der Depression wahrscheinlich als nicht sehr resistent zu bezeichnen sind,
hat aber sicher nichts mit Spitzensport ähnlichen Herausforderungen in der Topgastronomie zu tun.

Vielmehr wollen wir diese Krankheit in der Öffentlichkeit enttabuisieren, Menschen verstehen lernen und ihnen beistehen sich helfen zu lassen, und ihnen damit Mut zur Behandlung dieser Krankheit machen!

Besonders nachdenklich stimmt das viele Menschen den eigenen Bedürfnissen und Erfolgen höchste Priorität schenken, soziale Verantwortung und Empathie unseren Mitmenschen gegenüber stark vernachlässigen und dadurch die Symptome dieser Krankheit spät oder gar nicht wahrgenommen werden.

Ich für meinen Teil werde immer und überall versuchen und nichts unversucht lassen, Menschen zu helfen, als unerschütterlicher lebensbejahender Optimist weiß ich das viele, vielleicht sogar alle Mitglieder dieser Gemeinde sich an der täglichen aktiven Hilfe an Mitmenschenn in Zukunft beteiligen werden. Den Mitmenschen zu helfen macht den Menschen erst zum Menschen, zudem dürfen wir mit der größten Belohnung die der Mensch kennt, rechnen!

profiler, 11.10.05 @ 20:38

akzeptanz....
immer dann, wenn wir mit der tragik des selbstmordes eines menschen konfrontiert werden, flüchten wir uns in die suche nach der frage: warum.

nur, wir werden nie eine für uns genügende antwort finden. die entscheidung eines menschen, der keine lösung seiner probleme finden kann oder dem die sinnhaftigkeit seines daseins abhanden gekommen ist, seinem leben ein ende zu setzen, ist zu akzeptieren und zu respektieren.

es ist uns leider nicht möglich in den kopf eines menschen hineinzuschauen und deswegen sehen wir auch nur die rolle die jeder einzelne von uns in der gesellschaft spielt, aber nicht das eigentliche wesen des menschen, auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen.

mein mitgefühl gilt seiner familie.

gruss

Minimalist, 11.10.05 @ 18:12

Warum?
Trauern über einen Tod, Ja. Aber viel mehr mit der Vorstellung eines Lebens vor einem freiwillig herbei geführten Tod.
Selbsttötung als Lösung eines Problems:
nach einer grossangelegten amerikanischen Studie sind die Risikofaktoren (nach Priorität):
- frühere Selbstmordversuche
- mentale Instabilität, insbesondere Depression.
- Alkohol/Medikamenten/Drogen-abhängigkeit
- Opfer eines Missbrauchs als Kind
- Hoffnungslosigkeit
- (Auto)-aggressive Impulse
- rationale, soziale, finanzielle,.. Verluste
- kulturelle und religiöse Überspitzungen
- lokale Selbstmordhäufungen
- Isolation
.....
Das meiste davon wahrscheinlich unvorstellbar quälend.
4mal so viel Männer als Frauen. Häufiger mit zunehmendem Alter. Am häufigsten in Russland. Ganz selten in islamischen Ländern. In Österreich: 37 von 100.000 pro Jahr.
Ich glaube, Rahmenbedingungen sind es nicht. Hier narrt uns möglicherweise die Betroffenheit des Naheliegenden und hoffentlich nicht die eigene Angst?

-ad-, 11.10.05 @ 16:58

Betroffen
Betroffen und erschüttert fürwahr - inmitten eines der schönsten und wohlsortiertesten Weinkeller des Landes zu arbeiten bewahrt also auch nicht vor radikalen Entscheidungen.

Spekulationen seien hintangestellt, spitzenpositionen kommen wohl einem Balanceakt auf dem Schwebebalken gleich.

Meine Gedanken gehören der Familie ...

andreasbigler, 11.10.05 @ 13:46

Nachdenklich ....
Lieber CW!

Ich hab Karl Seiser sicherlich nicht so gut gekannt, wie Sie, ich weiß nur, dass er ein "g'rader Michl" war und dir kein X für ein U vorgemacht hat und ich kann ihnen nur beipflichten und muss die Kurzbeschreibung der Spitzengastronomie sogar noch deftiger darstellen, denn ich sehe da sogar ein Schlachtfeld im wahrsten Sinn des Wortes!

So ist es für mich denkbar, dass der Druck bei so viel Verantwortung eines Tages so groß wird, dass manche Mitmenschen keinen Ausweg mehr sehen. So etwas ist sehr traurig und stimmt nachdenklich; vielleicht ist der wirtschaftliche Druck eines Tages derart groß, dass die Zahl derer, die keinen Ausweg mehr sehen, noch größer wird. Ich hoffe, es wird nicht so kommen, aber ich befürchte, alle Zeichen der Zukunft deuten darauf hin.

In diesem Sinne: Ein gedämpftes "Prost" - egal ob mit Wasser, Bier, Wein, oder Milch ......

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