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Christoph Wagner's Weblog
25.07.04 @ 02:02
These zur Stopfung des Sommerlochs
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Die Bildende Kunst halte ich, ich wage es in einer so bildverliebten Zeit wie jener, in der wir leben, kaum zu behaupten, für eine Kunst zweiter Ordnung, während ich Literatur und Musik für Künste erster Ordnung halte.
Der Grund dafür ist recht einfach jener, dass die Bildende Kunst, wie schon ihr Name sagt, der stützenden Prothese des Bildes bedarf, während Musik und Literatur Gedankenströme ohne ein solches Hilfsmittel direkt in abstrakte Codes wie die Notation oder das Alphabet umzusetzen vermögen.
So gesehen ist die Tellermalerei, wie wir sie heute allenthalben erleben, durchaus auf oder gewöhnlich weit unter dem Niveau der Bildenden Kunst, während die wahre Feinschmeckerei, soweit sie Gedankenströme in abstrakte Geschmacks(kon)notationen umsetzt, eher der Literatur oder der Musik vergleichbar wäre — so es sie denn gäbe.
(Es gibt sie, wie ich glaube, aber nur ganz, ganz selten.)
27 Kommentare | Kommentar abgeben
ChristophWagner, 28.07.04 @ 02:28
Kulinarisches Sommerloch
ad Bolero
Völlig richtig. Ravels Bolero ist ungefähr so erotisch wie diese angebliche Traumfrau, die im Kino dazu immer gewippt hat (Gott sei Dank habe ich mittlerweile ihren Namen vergessen.)
ad Walküre
Den Quickie habe ich nie als solchen empfunden. Ich denke, der One-Night-Stand geht (ähnlich wie in Schnitzlers „Reigen") erst in der Pause zum zweiten Akt so richtig los. Und Pausen sind, zumal in Bayreuth, bekanntlich lang.
ad Tristan
Da beginnt der Orgasmus für mein Empfinden schon dem Vorspiel und endet mit dem Liebstod (Stichwort Schnackseln und sterben). Zugegebenermaßen eine verdammt lange Zeit für Bösendorfer-Liebhaber unter Amors Flügeln. Aber vielleicht hilft ein Bärenfell am Parkettboden.
ad erotische Musik
Für mich ist die orgiastischste Musikfolge aller Zeiten, Tristan zum Trotz, das ziemlich lange Finale von Figaro, 2. Akt. Da wird zwar nicht geschnackselt, aber dennoch von nichts anderem geredet. Hin und und wieder klopft dann der Gärtner aus dem Souterrain mit seinem Rechens an die Decke, aber sonst geht´s echt flott durch.
ad Sommerloch
Mit den vorangehenden Ausführungen hoffe ich die erbetene Interpretation abgegeben zu haben, was ein Sommerloch in einer Gourmet-Community ist, oder (dank begeisterungsfähiger User) zumindest sein kann.
steppenwolf, 27.07.04 @ 20:37
@Schubert's Inhalte
Das mit dem Sterben und Schnackseln ist ja nichts Neues. Damit habe ich vor 15 Jahren ausgezeichnet Bösendorfer-Flügel nach Japan verkaufen können, denn auf einem Bösendorfer klingt der Schubert besonders gut und unter einem Bösendorfer (2 m 90) hat man trotz Lyra (Pedallerie) noch immer Platz genug, um sich zu tummeln.
Was mich heuer wieder erstaunt hat, ist der absolute Quickie zwischen Siegmund und Sieglinde in der Walküre, nur wenige Takte. Bei Tristan dauert es ca. einen halben Akt. Wenn Walküre und Siegfried vertauscht wären, dann hätte Wagner den Tristan vor der Walküre geschrieben und wir hätten mehr Akoustismus (so wie Voyeurismus) in der Walküre. (Ich entschuldige mich bei allen Nichtmusikern, der letzte Satz ist ein ausschliesslicher Insider-Schmäh.)
Aber wenn ich einmal Bolero, die b e k a n n t e e r o t i s c h e Musik mit Tristan vergleiche, ist der Tristan ungleich erotischer. Und wenn man schon Ravel zum Sex hören will, dann doch eher Daphnis und Cloe, da stimmt Aufbau und orgiastischer Abschluss, wobei mir die Anekdote erzählt wurde, dass die Tänzer am Schluss Schwierigkeiten hatten, weil es da um einen 5/4-Takt geht. (Zur Veranschaulichung: Dave Brubeck - Take five ist auch in 5/4). Serge Diaghilev hat den Tänzern und Tänzerinnen eingebleut, sie sollen Ser - Ge - Dia - Ghi - Lev skandieren, dann würde es sich ausgehen. Ich empfehle, diese Übung nachzuahmen. Es ist erstens lustig und wenn man dann noch 3/4 dazu trinkt, kommt man wieder auf eine runde Zahl.
alma, 27.07.04 @ 20:36
zum abstrahierungsproblem
Wir haben schon an anderer Stelle festgestellt, dass selbst ein großer Wein nicht zu Tränen rührt, während dies Musik alle paar Takte zustandebringt. Ich kenne auch kein Gericht, das "mi umlegt", während ich Rainer Küchls Empfinden angesichts von Schuberts Streichquintett wohl nachvollziehen kann (ich sage nur: Tränen). So ist die über einen Kamm geschorene Feinschmeckerei natürlich Quatsch; ein minutenlang jubelnder Gaumen ist nicht mit jenen süßen Herzensqualen vergleichbar, die Musik anzurichten versteht.
"Es ist angerichtet" ist somit differenziert zu sehen.
jamiesolive, 27.07.04 @ 17:33
La grande bouffe
Ich verweise auf Marco Ferreros kulinarischen Viersprung in dem Film „Das große Fressen":
1. Fressen
2. Schnackseln
3. Furzen
4. Sterben
(Fast wie bei Tristan und Isolde, nur wird da 1. diurch Trinken ersetzt und 3. fällt weg, außer vielleicht bei Schlingensief, aber der hat Tristan ja – noch –nicht inszeniert).
tastatour, 27.07.04 @ 10:18
gschistigschasti
letzte woche war ich beim küchl (für die profil-leser: ich meine den philharmonischen vorgeiger) und er hat im breiten dialekt gemaunzt:
"i kau des streichquintett vom schubert nimma spüüün."
sag ich kokett naiv: "ja wieso denn nicht?"
sagt er: "weus mi umlegt."
könnte man meinen wunderbar, buch zu. ich sage aber, dass sich der letale effekt mit essen und trinken leichter bewerkstelligen lässt. entweder ist feinschmeckerei also der profanere quatsch, oder wir haben ein sommerlochabstrahierungsproblem.
dass der gustav der alma das komponieren untersagt hat, ist hinlänglich bekannt. kenner ihrer werke äussern sich sarkastisch dahingehend, dass er wohl schon gewusst haben wird, warum....
@steppenwolf: auf der musikunibibliothek gibts alle ausser IX (!!!)
@alle fleischesser:
ich habe mich mal mit einer sängerin darauf geeinigt:
bei schubert gehts immer ums sterben oder ums schnaxln und in den grössten momenten ums sterben beim schnaxln.
kann man sich bedingt durch ein romantisches nervenfieber ähnlich über üppiges essen äussern?
--- 04.09.18 @ 20:56
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