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Christoph Wagner's Weblog
24.06.05 @ 12:57
Dirndl oder Bratl? - Ein paar Bemerkungen zum letzten Thread
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Vorweg: Ich besitze keinen Trachtenanzug, meine drei Damen (Frau und zwei Töchter) sind aktive Dirndlverweigerinnen, und als ich las, dass der Musikantenstadl eingestellt wird, habe ich aus schierer Freude ein Fläschchen Roederer (nein nicht Cristal, das wäre wieder zuviel der Ehre) geköpft.
Dennoch muss ich als Kulturhistoriker das Dirndl oder besser: die Tracht an sich gegen die Nachstellungen durch etliche Mitglieder der Speisinger Gemeinde explizit in Schutz nehmen. Eine echte Tracht ist so schuldig oder unschuldig wie ein echtes, nach einem alten Originalrezept zubereitetes Bratl, und es ist so authentisch bzw. autochthon wie ein alter Rebstock, oder aber auch ein Kimono, ein Fez, ein Sari, eine indianische Tanz- oder eine Derwischtracht - durchwegs Kleidungsstücke, die, etwa bei „World Music Festivals” auch in urbanen Kreisen nicht nur wohlgelitten, sondern hoch angesehen sind.
Dass die Erwähnung des Wortes „Dirndl” hierzulande so viele ansonsten durchaus unaufgeregte Zeitgenossen ausrasten lässt, liegt wohl nicht am Dirndl selbst, sondern an seiner historisch leider unwiderlegbaren Befrachtung mit (austro-)faschistischem Gedankengut. Es wurden aber zum Beispiel im Nazi-Durchhalte-Propagandafilm „Schrammeln” (mit Hans Moser und Paul Hörbiger) zu Kriegsende demonstrativ Backhendeln verspeist, ohne dass das Backhendl deshalb einen ähnlichen Image-Schaden genommen hätte wie das Dirndl.
Tracht sagt über ihren Träger, sei er nun Steirerbua oder Südmolukke, a priori gar nichts aus. In einem Steirerjanker oder einem Ausseer Dirndl kann ein(e) unverbesserliche(r) Ewiggestrige(r) ebenso stecken wie Hubert von Goisern oder Otto Lechner. Ein knuspriges Bratl kann einen Kongress alter Kameradschaftbündler ebenso nähren wie ein Jungsozialistentreffen. Umgekehrt wird kaum jemand ein vegetarisches Gericht mit der Begründung zurückweisen, dass Hitler Vegetarier war.
Wie so oft (vor allem bei allen Arten von Designdebatten) ist mir in dieser Frage der Inhalt wichtiger als die Form. Und daher darf meiner Meinung nach, wenn es von einem netten, aufrichtigen und anständigen Menschen (oder womöglich sogar von einer wirklich guten Köchin) getragen wird, ruhig ein Dirndl sein, auch und sogar auf einem Kochbuch-Cover.
42 Kommentare | Kommentar abgeben
Minimalist, 24.06.05 @ 16:34
Symbole
Das 80jährige Moidele, Senior-Wirtin in Obertilliach, mit Ihrem Dirndl wird von mir spontan heiss geliebt. Die Doppelnamen-Tussi (Erfindung von Harry Rohwolt) aus Bochum mit Ihrem "Salzburger" Trachtenkostümchen mit den übergrossen Hirschknöpfen betrachte ich mit grosser Reserviertheit.
Das gleiche bei Männern (liebe Alma)!
Warum?
Weil wir das Formale und Inhaltliche nicht ohne Anstrengungen trennen können.
Douglas Hofstadter hat darüber in "Gödel, Escher, Bach" (und weniger populären Werken) geschrieben und Umberto Eco und andere betrachten die Bedeutung von Symbolen und Inhalten in ähnlicher Weise.
Meine wilde Theorie: schwache Inhalte brauchen starke formale Stützung. Schwache Ideologien brauchen pompöse Riten und Symbole.
(Macht ist nur ein Symbol von Kraft!)
Den Schweinsbraten mit Stauberte Knödel im "Strohsack" (leider geschlossenes Wirtshaus bei Gutau/Freistadt) liebte ich heiss (er war dort schon formal).
Dem Schweinsbraten bei Gordon Ramsay stehe ich (zu unrecht) reserviert gegenüber.
Im "Madonnina del Pescatore", nahe Senigallia servierte ein in einheitlch beiger Designerkleidung auftretender Service, in einem hypermodernen Ambiente Langostinos in Orangensaft uä.
Jetz wage ich mich weit beim Fenster: Österreich betreibt Innovation mit Blick nach hinten.
Wir haben Anton Zeiliger, Olga Neuwirth, (hatten) Ernst Jandl und Johanna Maier, aber wir positionieren uns als Trachtenmgemeinde.
Deshalb bin ich bei Kimonos tolerant aber bei grau mit grünen Doppelstreifen an der Hose nicht.
pastinake, 24.06.05 @ 15:42
Kulturhistorisch
haben Sie 100 Prozent recht. Ich nehme für mich in Anspruch soziologisch/psychologisch argumentiert zu haben.
Wenn mir eine Bäuerin in Tracht auf der Alm oder im Dorf ein Bratl oder einen Käs serviert - wunderbar!
Wenn auf einem Foto eine österreichische Topköchin Jakobsmuschelcarpaccio mit Wasabischaum in einem Designer-Dirndl mit einem Strohmandl im Hintergund präsentiert - dann sind wir wir fast schon wieder beim Musikantenstadl angelangt. Jeder Mensch definiert sich durch das Bild, das er/sie von sich zulässt. Die Diskussion wurde m. E. ausgelöst vom Wunsch nach mehr Selbstbewusstsein und vor allem Autentizität bei unseren Topköchinnen.
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