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Christoph Wagner's Weblog

06.11.05 @ 03:26

Essen und Tod (leicht verspätet, war zu Allerseelen leider unterwegs)

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Was sind die großen Themen der Menschheit? Die Liebe, das Glück und der Tod. Über die Liebe und das Glück sprechen wir gerne. Den Tod hingegen schieben wir hinweg. Dafür reden wir umso lieber über das kleine Glück der täglichen Mahlzeiten. Und reden damit, ohne es recht zu ahnen, erst wieder über den Tod, über abgestorbene Materie, die wir uns lustvoll einverleiben, um dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, auch wenn wir letztlich an dem, was wir essen (oder auch an dem, was wir nicht essen), zugrunde gehen. Essen heißt daher, um Montaigne abzuwandeln, vor allem auch: Sterben lernen.

26 Kommentare | Kommentar abgeben

Minimalist, 07.11.05 @ 14:00

wer fühlen will muss essen
Auszug aus meiner Weltabschaung:
1. Religions-gesteuert glauben die meisten "das Leben ist der Weg". Wenige (meist Atheisten, dazu gehöre auch ich) glauben "das Leben ist das Ziel".
Deshalb sind Leben und Tod für mich eins und der Tod ohne jeglichen Schrecken. Schrecklich ist nur die Vorstellung, dass der Tod nicht ohne Leiden und Schmerzen abgehen wird.
Tod ist entweder Ereignis oder historisch.

2. Essen und Tod sind so weit beziehungs-relevant, als nicht-essen Tod bedeutet. Das heisst, wer fühlen will muss essen.

3. Geniessen ist denken und fühlen. Deshalb ist diese Form von Essen für mich, im Gegensatz zur reinen Nahrunngsaufnahme, nicht "äusserlich", "oberflächlich" oder gar formal.

4. Vielelicht gehöre ich deshalb zum Artenschutzprogramm der letzten Glücklichen.

sonjaa, vom früheren Thread herüber gezogen, auch wenn es beim ersten Hinschaun keine angenehme Vorstellung ist, es spricht einiges dafür, dass wir einfach "Programme" im rechnenden Universum sind. Eine tröstliche Vorstellung (s. 4.).

alma, 07.11.05 @ 12:53

alter affe angst
Aus profilers Zeilen spricht jene Angst, die gerne die Einheit von Leben und Tod zweiteilt und letzteren zu etwas zumindest Traurigem macht (Melancholiebegabte tun sich mit diesbezüglicher Schönheit wohl leichter).

Der Übergang von einem Seinszustand in einen anderen wird gerade beim Kochen so greifbar; die Transformation vom Messerstich bis zum Teller (und in weiterer Folge bis zur möglichen Extase) muss ja nicht selbst in allen Stadien mitverfolgt werden, sollte aber zumindest mitgedacht sein. Traurig fand ich dies schon als Kind nicht, wo, häufig auf einem Bauernhof zugegen, eher das Faszinosum eines kopflos um sich schlagendes Huhnes oder die unter Beobachtung verrottenden zarten Knochen eines nüchtern an die Wand geschlagenen jungen Kätzchens präsent waren.

sonjaaa, 07.11.05 @ 12:19

kulinarische Annaeherung an einen ganz Grossen
Das Thema ist doch eine ziemlich starke Annaeherung an Hermann Nitsch, den ich persoenlich fuer den bedeutnensten lebenden Kuenstler Oesterreichs halte. Blut und Tod gehoeren zur Lebenserhaltung, seit wir die kulinarischen Vorzuege (und den hohen Eiweisgehalt) von Fleisch entdeckten.

In diesem Sinne stellt sich nun die Frage, ob ein Superessen bei Christian Petz, Heinz Hanner, den Obauers,... nun eine zeitgemaesse Abstraktion des fruehen Opfers (und der dazugehoerigen Feste) ist oder ob wir vom toeten muessen doch so weit entfernten, dass es in abgelegenen Schlachthoefen oder sogenannten Hospitzen passieren muss?

Persoenlich gesehen faellt s mir aber auch schwer, einen Hummer in den Topf zu stecken. Ein Gewehr hatte ich (teutatesseidank) noch nie in der Hand.

hypercube, 07.11.05 @ 12:15

Philosophieren
heißt sterben lernen. Und am liebsten Philosophieren wir beim Speisen und Trinken. Ich glaube, es ist eine der schwierigsten (und sicher eine sehr lohnende) Aufgabe das Sterben den Tod akzeptieren zu lernen.
Können wir das Leben wirklich genießen ohne dem Tod unerschrocken gegenüberzustehen?

profiler, 06.11.05 @ 20:28

allerheiligen und allerseelen.....
so sehr ich mich auch bemühe, ich kann, und will, mich dieser art von gedankengängen und assoziationen nicht anschliessen. weil, mit essen verbinde ich folgende bilder, freude beim einkauf, ideen erwachen, lust beim zubereiten, spannung beim servieren, freude beim geniessen, angeregte unterhaltung mit angenehmer tischgesellschaft, wohliges räkeln nach dem essen das einem, im idealfall, lange in erinnerung bleibt.

mit tod verbinde ich verlust, schmerz, einsamkeit, trauer, existenzängste, tränen usw. also nur unangenehme erfahrungen.

für mich ergibt sich daher auch ein widerspruch, tod und essen sind nicht kompatibel, zumindest für mich nicht. denn, henkersmahlzeit und leichenschmaus zählen sicher nicht zu den angenehmen essenserfahrungen. auch wenn der grosse montaigne andere erkenntnisse für sich gefunden haben will, beim sterben bin ich dann doch lieber etwas ungeübt, wenn es dann soweit ist.

im übrigen, die morbidität dieser gedankenansätze lösen in mir ein aufbäumen meiner kognitionen aus, gegen eine herbstdepression.

sprich, in meinem kopf wirds plötzlich frühling.

frohgemuten grusses

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